Heimatjahrbuch 2016: Schwerpunkt Kunst und Kultur im Kreis

Gütersloh, 20.11.2015. Wieso kümmerte sich der englische König Georg III. im Jahr 1776 um den Hochwasserschutz im damaligen Amt Reckenberg? Wie erlebte der Gütersloher Bürgermeister Wilhelm Baumann den Ersten Weltkrieg? Wieso konnte man mit Bergbau kein Geld in Halle verdienen? Wer schliff die Grenzsteine in Borgholzhausen ab?

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Stellten das Heimatjahrbuch Kreis Gütersloh 2016 im Stadtmuseum Gütersloh vor (v.l.): Dr. Rolf Westheider (Redaktionsmitglied), Martin Maschke  (Kreisheimatpfleger), Friedrich Flöttmann (Verlag), Johannes Glaw (Autor), Eckhard Möller (Redaktionsmitglied), Ralf Othengrafen (Chefredakteur), Daniel Bollweg (Verlag), Siegfried Kornfeld (Autor), Landrat Sven-Georg Adenauer und Friedrich Fischer (Redaktionsmitglied).

Und warum entstehen in Langenberg hervorragende Schulbücher? Die Antworten hierzu und weitere spannende Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Kreises Gütersloh finden sich im aktuellen Heimat-Jahrbuch.

Seit dem 18. Jahrhundert sind zahlreiche Überschwemmungen durch Glenne und Lippe aktenkundig, die auch Mastholte und Langenberg in Mitleidenschaft gezogen haben. Es sind mehrere Anläufe unternommen worden, die Überschwemmungen nicht nur durch einzelne bauliche Maßnahmen, sondern durch ein Gesamtkonzept zum Hochwasserschutz für beide Flüsse in den Griff zu kriegen. Sogar der englische König Georg III., zum damaligen Zeitpunkt für das Amt Reckenberg verantwortlich, war involviert. Letztendlich zeigten die Bemühungen keinen Erfolg. Erst in der jüngsten Vergangenheit sind die Bemühungen für eine übergreifende Lösung wieder aufgenommen worden - 250 Jahre nach König Georg III.

Bereits mehrfach hat das Jahrbuch das Kriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg aus der Sicht einfacher Soldaten geschildert. Auch der spätere Gütersloher Bürgermeister Wilhelm Baumann nahm ab August 1914 als Soldat am Weltkrieg teil und hielt seine Eindrücke in Tagebuchaufzeichnungen sowie Briefen fest: "Manches heiße Dankgebet wird in dieser Stunde zum Himmel gestiegen sein. Auf dem Schlachtfelde sah es grässlich aus, besonders viele Franzosen waren gefallen, furchtbare Verletzungen hatten die Geschosse der Fuß-Artillerie angerichtet." Erst im Dezember 1918 - nach Einsätzen an der West- und Ostfront - konnte Baumann in seine Heimatstadt Gütersloh zurückkehren. Er gehörte zu den Mitbegründern der Christlichen Gewerkschaften in Gütersloh und engagierte sich politisch im Stadtrat. Vom 15. September 1946 bis zum 17. Oktober 1948 amtierte er als erster frei gewählter Bürgermeister der Stadt Gütersloh nach dem Zweiten Weltkrieg.


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Titelbild des Heimatjahrbuchs

Seit dem 16. Jahrhundert wurde in Halle Steinkohle abgebaut. Zunächst mit einfachsten Mitteln, ab dem 18. Jahrhundert dann planmäßig und professionell. Doch immer wieder erloschen die bergmännischen Aktivitäten mangels befriedigender Ausbeute. Wassereinbrüche, geringe Erträge und die ungünstige Lage der Flöze wirkten sich negativ auf den Bergbau in Halle aus. Ein letzter Versuch zum Steinkohleabbau in Halle wurde 1923, zur Zeit der Ruhrgebietsbesetzung, gewagt. Doch auch dieses Mal mit nur begrenztem Erfolg. Am 7. April 1925 wurde der Bergwerksbetrieb eingestellt. Einen neuen Versuch hat seitdem niemand mehr gewagt. Was nicht bedeuten muss, dass im Haller Abschnitt des Teutoburger Waldes nicht doch noch Bodenschätze schlummern.

Mit steinernen Zeugen aus längst vergangener Zeit befasst sich ein weiterer Beitrag. Eine Vielzahl historischer Grenzsteine hat sich im Bereich von Borgholzhausen bis heute erhalten. Seit dem 17. Jahrhundert trennten sie verschiedene Territorien: Zunächst die Grafschaft Ravensberg und das Fürstbistum Osnabrück, später die Königreiche Preußen und Hannover. Regelmäßig wurden die Grenzsteine nach ihrer Aufstellung kontrolliert und Schäden behoben. Nicht nur Umwelteinflüsse setzten den Steinen zu, manch Bauer nutzte sie auch als Wetzstein zum Schärfen der Sicheln - zum Ärger der Behörden. Bis heute sind relativ viele Grenzsteine überliefert und haben nun wieder ihre ursprüngliche Funktion inne: Seit dem Zweiten Weltkrieg kennzeichnen sie erneut eine Grenze, nämlich die Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Sie in ihrer Substanz zu erhalten ist eine wichtige Aufgabe für den örtlichen Denkmalschutz.

Von den Anforderungen und Fallstricken beim Verfassen von Schulbuchbeiträgen wissen die beiden Langenberger Schulbuchautoren Marietta und Dieter Keller zu berichten. Die beiden ehemaligen Lehrer sind ein eingespieltes Team mit klar verteilten Aufgaben. Gestaltung, Zeichnungen und Fotos obliegen Marietta Keller, um die Texte kümmert sich der Ehemann. Auf diese Weise sind in den vergangenen 15 Jahren Beiträge für 30 Biologie-Schulbücher entstanden. Und was macht aus ihrer Sicht - in einem Satz zusammengefasst - ein gutes Biologie-Schulbuch aus? "Schulbücher müssen lesbar sein", ist ihre eindeutige Antwort. Bis 2017 möchten Marietta und Dieter Keller weiter an Schulbüchern mitwirken, dann wollen sie den Staffelstab an jüngere Autoren weiterreichen.

Zwei sehr unterschiedliche Themen ragen in diesem Jahr etwas heraus: Bedingt durch das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren beschäftigen sich mehrere Jahrbuchbeiträge mit unserer Region während des Nationalsozialismus. Mit dem Kriegsgefangenenlager Stalag 326 (VI K) Senne im heutigen Schloß Holte-Stukenbrock etwa. 5,3 Millionen sowjetische Soldaten waren während des Zweiten Weltkrieges gefangen genommen und ins Deutsche Reich verschleppt worden. Von ihnen kehrten mehr als die Hälfte nicht nach Hause zurück. Rund 25 Prozent der im Deutschen Reich eingesetzten sowjetischen Kriegsgefangenen durchliefen das Stalag 326. Anfänglich wurden sie sogar ohne jegliche Unterkunft gefangen gehalten, die Versorgung mit Nahrung und die hygienischen Zustände waren katastrophal. Am 22. Juni 1997 wurde die Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne eröffnet, sie befindet sich in dem ehemaligen Arrestgebäude. Die Dokumentationsstätte verfügt über ein umfangreiches Archiv, das die historische Aufarbeitung des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers ermöglicht. Durch die Arbeit der Dokumentationsstätte und nicht zuletzt durch den Besuch des Bundespräsidenten hier im Kreis Gütersloh und an dem Ort des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 am 6. Mai 2015 wurde der Fokus der Öffentlichkeit auf die bislang unzureichend thematisierten Folgen von Kriegsgefangenschaft im Deutschen Reich gelenkt.

Mit den Möglichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus befasst sich eine ehemalige Schülerin des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums Gütersloh. Ihr Beitrag über den Lehrer und Pfarrer Wilhelm Florin konnte bereits einen Landespreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewinnen. Florin trat im August 1929 eine Stelle als Lehrer am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh an. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten stellte er sich im sogenannten Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen, die auf Seiten des nationalsozialistischen Regimes standen. Am 17. Oktober 1934 hielt Florin vor über 700 Besuchern seinen Vortrag "Rosenbergs Mythus oder evangelischer Glaube". In seinem Vortrag wandte sich Florin gegen Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts", das neben Adolf Hitlers "Mein Kampf" zum wichtigsten Buch des Nationalsozialismus geworden war. Seine Haltung brachte Florin immer wieder in Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, der Anhänger der Deutschen Christen war. Aufgrund dieses ständigen Konflikts und "aus Mangel an innerer Einheit im Lehrkörper" verließ er schließlich 1937 das Evangelisch Stiftische Gymnasium und wechselte zur Rheinischen Missionsgesellschaft in Wuppertal-Barmen. Zur Würdigung seiner aufrechten Haltung wurde in Gütersloh am 1. Juli 2015 das Altenzentrum "Hermann-Geibel-Haus" in "Wilhelm-Florin-Zentrum" umbenannt; auch ein angrenzender Weg wurde nach ihm benannt.

Ein anderes Schwerpunktthema in diesem Jahr sind Kunst und Kultur im Kreis Gütersloh. Dass Kunst und bodenständige Region im Kreis Gütersloh kein Gegensatz sein müssen, zeigt seit 15 Jahren das Literatur- und Musikfestival "Wege durch das Land". Seit dem Jahr 2000 gibt es dieses außergewöhnliche Festival, das alljährlich tausende von Kulturfreunden aus nah und fern nach Ostwestfalen-Lippe lockt. Entwickelt von Dr. Brigitte Labs-Ehlert, Leiterin des Literaturbüros in Detmold, sind die "Wege durch das Land" zu einem Aushängeschild der Region zwischen Weser und Ems geworden. Das diesjährige Eröffnungswochenende fand mit einem umfangreichen Programm in Gütersloh statt. So nahm etwa Klaus Maria Brandauer bei einer Lesung im Theater sein Publikum mit in die Todeszelle des von den Nazis inhaftierten Theologen Dietrich Bonhoeffer. Im Anschluss war das Festival noch in weiteren Orten des Kreises zu Gast. Im Steinhagener Gestüt Ebbesloh fanden Lesungen mit den Schauspielern Matthias Brandt und Matthias Bundschuh sowie ein Konzert des Kammerensembles des weltberühmten Amsterdam Concertgebouw Orchestras statt. Erstmals führten die "Wege durch das Land" in Schroeders Likörmanufaktur in Verl, wo die Schriftstellerin Judith Zander aus ihrem Roman "Dinge, die wir heute sagten" vortrug.

Im Oktober und November 2014 fand eine in vieler Hinsicht ungewöhnliche Ausstellung im Kunsthaus Rietberg - Museum Wilfried Koch statt. Im Zentrum der Ausstellung des ursprünglich aus Rietberg stammenden Künstlers Arnold Busch mit dem Titel "Auf den Schultern der Alten" stand eine vollständige handschriftliche Abschrift des Romans "Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke. Versehen waren die eng beschriebenen Seiten mit Zeichnungen, die keineswegs nur den Text illustrieren, sondern auf diesen reagieren.

Eine unternehmerische Erfolgsgeschichte zeichnet ein weiterer Beitrag des Jahrbuches nach. Der Gütersloher Flöttmann Verlag feiert 2016 sein 150-jähriges Jubiläum. Aus kleinsten Anfängen ist über eineinhalb Jahrhunderte hinweg ein modernes Verlagshaus entstanden, das in verschiedenen Marktnischen erfolgreich tätig ist. Die Verlagsgeschichte ist geprägt von Tradition, aber vor allem auch von Innovation und dem Willen zur Veränderung - nur so kann man sich 150 Jahre in der Medienbranche behaupten. Und immerhin schon seit 34 Jahren gehen Kreis und Verlag beim Heimat-Jahrbuch gemeinsame Wege.

Und noch ein weiteres Jubiläum wird im diesjährigen Heimat-Jahrbuch gewürdigt. Am 22. August 2014 konnte die Rietberger Gesellschaft Harmonie ihr 175-jähriges Stiftungsfest feiern. Es handelt sich dabei um die älteste Gesellschaft dieser Art im Kreis Gütersloh. Sie wurde gegründet, "um sich durch gesellschaftliche Unterhaltung und Vergnügen zu erheitern". Auch ihre schwerste Krise in der Zeit des Nationalsozialismus konnte sie erfolgreich überstehen. Aktuell stehen vor allem die freundschaftliche Begegnung und das Geselligkeitsmoment bei gemeinsamen Exkursionen in die Kunst- und Kulturgeschichte und bei Firmenbesichtigungen auf dem Programm.

Das seit 1982 erscheinende "Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh" liegt jetzt in seiner 34. Ausgabe vor. Es präsentiert sich mit dem bewährten Mix aus Geschichte, Wirtschaft, Natur, Freizeit, Bildung, Kirche und Kultur. Es wird vom Kreis Gütersloh herausgegeben und erscheint mit einer Auflage von 3.500 Exemplaren im Flöttmann Verlag Gütersloh. Die redaktionelle Leitung hat Kreisarchivar Ralf Othengrafen. Der farbige, reich bebilderte Jahresband enthält auf 192 Seiten 27 Einzelbeiträge. Im örtlichen Buchhandel oder über den Flöttmann Verlag Gütersloh kann das Buch zum Preis von 12 Euro erworben werden. Auf den Internetseiten des Kreisarchivs finden Interessierte einen Index mit den bisher erschienenen Themen.