Vieler Herren Länder

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück, 10.05.2017. Noch im 18. Jahrhundert teilten sich sechs weltliche und geistliche Landesherrschaften das knapp 1.000 Quadratkilometer große Gebiet des heutigen Kreises Gütersloh. Die zahlreichen, sich häufig ändernden Grenzen wurden mit Grenzsteinen markiert.

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Grenzstein Nr. 103 beziehungsweise 63 am Grenzpunkt der Grafschaften Rietberg, Lippe und Ravensberg von 1784. Foto: Johannes W. Glaw

Über sie und die Geschichte, die sich mit ihnen verbindet, gibt ein neues Buch in der Schriftenreihe des Kreisarchivs Gütersloh Auskunft. Verfasst wurde es von dem Gütersloher Lehrer und Stadtarchäologen Johannes W. Glaw. Das reich bebilderte Buch lädt dazu ein, die Geschichte des Kreises Gütersloh und seiner Grenzen neu zu entdecken. Es erscheint als Band 14 der Schriftenreihe des Kreisarchivs Gütersloh. Um das Bewusstsein für die lokale und regionale Geschichte zu stärken, gibt das Kreisarchiv Gütersloh eine eigene Schriftenreihe heraus. Bisher sind 13 Bände zur Geschichte des Kreises erschienen, zuletzt eine Publikation zum Strafgefangenenlager Oberems von Karina Isernhinke.

 

Die Abgrenzung der ehemals eigenständigen Landesherrschaften im Gebiet des heutigen Kreises Gütersloh geschah bis ins ausgehende Mittelalter durch naturräumliche Merkmale wie Flussläufe oder Grenzbäume/Schnatbäume, seit der frühen Neuzeit dann als dauerhaftere Lösungen durch Grenzsteine, versehen mit den landeshoheitlichen Wappen. Im Laufe der Jahrhunderte sind aufgrund von Verlust und Beschädigung, aber auch infolge von Grenzveränderungen immer wieder Steine erneuert oder neu gesetzt worden, so dass sicher zeitweilig von einem Bestand von mehr als 700 Steinen im Kreisgebiet auszugehen ist. Noch heute existieren davon mehr als 250 historische Grenzsteine, viele an ursprünglicher Stelle. Zahlreiche Steine sind im Laufe der Zeit aber auch an andere Orte verbracht worden, nicht zuletzt durch die Flurbereinigungsmaßnahmen im 20. Jahrhundert.


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Dr. Rolf Westheider (Vorsitzender Kreisheimatverein Gütersloh), Ralf Othengrafen (Kreisarchivar), Landrat Sven-Georg Adenauer, Johannes W. Glaw (Autor) und Giesbert Nunnemann (Vorsitzender Heimatverein Güters-loh) präsentierten auf einem kleinen Rundgang in Rheda-Wiedenbrück die neueste Publikation der Schriftenreihe des Kreisarchivs Gütersloh zum Thema Grenzsteine. Foto: Kreis Gütersloh

Das lesenswerte Buch liefert eine Bestandsaufnahme für den Kreis Gütersloh - wobei eine Reihe von Grenzsteinen erst in den vergangenen Jahren quasi 'wiederentdeckt' worden ist -, dies eingebunden in die territorialgeschichtliche Entwicklung der vormaligen Herrschaften innerhalb des Kreisgebietes. Der Norden des heutigen Kreisgebietes mit Borgholzhausen, Werther/Westf., Versmold, Halle/Westf. und Steinhagen war Teil der Grafschaft Ravensberg. Die Gegend um Harsewinkel gehörte zum Fürstbistum Münster. Nach Süden hin schloss sich die Herrschaft Rheda mit den Orten Rheda, Herzebrock und Gütersloh an. Gegen Südosten folgte das vormalige Amt Reckenberg, eine Exklave des Fürstbistums Osnabrück, mit Wiedenbrück und Langenberg, an der schmalsten Stelle gerade einmal 500 Meter breit. Das Amt Reckenberg seinerseits grenzte im Süden an die Grafschaft Rietberg mit Rietberg und Verl. Und schließlich gehörte der östlichste Teil des heutigen Kreises mit Stukenbrock zum Fürstbistum Paderborn.

Entsprechend zahlreich waren auch die damit verbundenen Grenzlinien, zu denen noch die Außengrenzen mit benachbarten Territorien, dem Fürstentum Lippe im Osten, im 19. Jahrhundert den Königreichen Preußen und Hannover im Norden hinzukamen. Sie waren im Laufe der Zeit vielfach Gegenstand von Streitigkeiten und Verhandlungen, wurden vertraglich beschrieben, vermessen, schließlich (spätestens seit dem 17. Jahrhundert) mit einer Unmenge von Grenzsteinen vermarkt.

Die historische Bedeutung der zumeist unauffällig im Gelände stehenden Grenzsteine fassbar zu machen, ist unmittelbare Intention der Publikation. Denn es handelt sich um Kleindenkmäler, die im Sinne des Denkmalschutzgesetzes zu schützen sind. Dies gilt landesweit für alle Grenzsteine in NRW, weshalb denn das Buch auch auf andere Regionen des Landes übertragbare Hinweise zum sachgemäßen Umgang mit ihnen und zur Grenzsteinforschung allgemein enthält. Das erklärt auch die ausdrückliche Förderung durch die NRW-Stiftung in Düsseldorf.

 

Trotz seiner jahrelangen Recherche ist Glaw davon überzeugt, dass sich im Kreis Gütersloh noch weitere Grenzsteine 'wiederentdecken' lassen. Wer Hinweise und Tipps zu weiteren Grenzsteinen hat, kann sich gerne bei Johannes W. Glaw (geschützte E-Mail-Adresse als Grafik) melden.


Zum Thema: Vieler Herren Länder

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Buchcover

Johannes W. Glaw: Vieler Herren Länder. Historische Grenzsteine im Kreis Gütersloh, Bielefeld 2017 (= Veröffentlichungen aus dem Kreisarchiv Gütersloh Bd. 14), 208 Seiten, zahlreiche Abb., ISBN 978-3-7395-1114-6

 

Erhältlich über den lokalen Buchhandel und den Verlag für Regionalgeschichte (www.regionalgeschichte.de) zum Preis von 19 Euro.


Zum Thema: Johannes W. Glaw

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Johannes W. Glaw bei der Freilegung und Bergung eines Grenzsteines aus einem Zulauf des Ölbaches. Foto: Johannes W. Glaw

Johannes W. Glaw: Geboren am 27.4.1954 in Bielefeld, wohnhaft in Gütersloh. Oberstudienrat am Ev. Stift. Gymnasium Gütersloh. Studium der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie, der Ethnologie und Kunstgeschichte in Münster. Seit 2010 Beauftragter für die Bodendenkmalpflege im Rahmen der Stadtarchäologie Gütersloh. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Archäologie des Gütersloher Raumes.