Ein Baum mit vielen starken Ästen

Gütersloh/Valmiera, 12.09.2017. Der grünen Stadt der Kunst, so nennen die Einwohner Rujiena selbst gerne, war es in diesem Jahr vorbehalten, die Feier zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft zwischen dem Kreis Gütersloh und der Region Valmiera auszurichten.

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Festakt zum 25-jährigen Partnerschaftsjubiläum. Vitauts Stana (r.) hielt seine seine Rede vom Rollstuhl aus, in der ersten Reihe vor ihm (v.l.): Renate und Hans-Joachim Schwolow, Landrat Sven-Georg Adenauer, Dr. Silvana Kreyer, Guntis Gladskins und Ivo Virsis, Bürgermeister und Stadtdirektor von Rujiena, sowie im Hintergrund Franz-Josef Balke.

Landrat Sven-Georg Adenauer war mit einer über 60-köpfigen Delegation nach Valmiera aufgebrochen, im Mittelpunkt standen das 25-jährige Partnerschaftsjubiläum und die beiden neuen Städtepartnerschaften, die in diesem Jahr besiegelt worden sind.

 

Bei dem Festakt in dem Kulturzentrum Rujienas - die Nationalhymnen spielte das Blasorchester der Stadt - betonten die Redner durchweg die Vorbildrolle der Partnerschaft in schwierigen europäischen Zeiten - Stichwörter waren unter anderem der Brexit und die Wirtschaftskrise 2008/2009. "Wir feiern heute den Mut von damals", betonte Landrat Adenauer. Er verzichtete in seiner Rede wie alle anderen auch auf die Auflistung derer, die sich um die Partnerschaft verdient gemacht haben. Wie sagte es Vitauts Stana, ehemaliger Landrat Valmieras und jetziger Vorsitzender des dortigen Partnerschaftsvereins: "Dann würden wir noch bis Mitternacht brauchen." Denn die Partnerschaft tragen inzwischen viele Schultern, von Schulen über Kirchengemeinden, von der Feuerwehr über die Landwirtschaft bis hin zu den Kommunen. "Der Baum der Partnerschaft hat viele Äste und in diesem Jahr sind zwei neue, starke Äste hinzugekommen', sagte Adenauer mit Blick auf die neuen Städtepartnerschaften zwischen Harsewinkel und Mazsalaca sowie Naukŝēni und Borgholzhausen. Beim Besuch der Letten im Juli waren die entsprechenden Urkunden unterschrieben worden. Mit gefahren waren daher auch Borgholzhausens Bürgermeister Dirk Speckmann und die beiden stellvertretenden Bürgermeisterinnen Harsewinkels, Pamela Westermeyer und Regina Meißner-Schlömer an. Als Vertreterin der ersten Städtepartnerschaft, der zwischen Valmiera und Halle/Westfalen, nahm auch Anne Rodenbrock-Wesselmann an der fünftägigen Fahrt teil.

 

Bewegend waren die mitunter die Festreden: Vitauts Stana, der den Besuch im Kreis Gütersloh im Juli aus gesundheitlichen Gründen noch absagen musste, hielt seine Rede vom Rollstuhl aus. Nach einer Amputation trainiert er zurzeit mit einer Prothese eine Stunde täglich: "In meinem Herzen stehe ich vor Ihnen." Stana erinnerte an die Erfolge, auch die indirekten, die auf die Partnerschaft zurückzuführen seien. Wirtschaftlich stehe man auf einem der ersten Plätze in Lettland und bei der Abstimmung über den Beitritt zur europäischen Union hätten einst in keiner Region so viele Menschen mit 'Ja' gestimmt wie in der Region Valmiera. Stana nutze seine Rede auch zu einem Appell: "Wir sollten mehr junge Leute für die Partnerschaft gewinnen, damit wir solche Jubiläen auch noch in 25 Jahren feiern können."


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Kein Festakt, keine Feier in Lettland ohne Volkstanz. Die Volkstanzgruppe aus Rujiena trat beim offiziellen Festakt zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft im dortigen Kulturzentrum auf.

Adenauer lobte vor rund 150 Gästen den unbedingten Willen zur Freiheit und den Mut, selbst zu gestalten. Mit diesem Mut seien viele Projekte mit Hilfe und Unterstützung aus dem Kreis Gütersloh in Angriff genommen worden. Er nannte als Beispiele die Hörgeschädigtenschule in Valmiera, das dortige Altenheim und das Krankenhaus in Mazsalaca - alles Projekte, die während des Delegationsbesuchs noch auf dem Besichtigungsprogramm standen. Von den dreieinhalb Tagen vor Ort war einer den beiden Kommunen Naukseni und Mazsalaca gewidmet, an den anderen besuchte die Delegation Projekte, teilte sich auf und informierte sich beispielsweise über die Wirtschaftslage in Valmiera und besuchte gemeinsam den größten Arbeitgeber der Region, das Glasfaserwerk Valmiera.

 

Teilnehmer der diesjährigen Delegation waren unter anderem auch Ursula Bolte, ehemalige Landrätin, sowie Franz-Josef Balke. Er war der ehrenamtliche Landrat, der vor 25 Jahren die Partnerschaftsurkunde unterschrieb.


Harsewinkel und Borgholzhausen: Fahne und Partnerschaftsbaum

Gruppenfoto vor dem Landgut NaukseniGroßbildansicht
Gruppenfoto vor dem Landgut Naukseni

Valmiera/Gütersloh. Dass in diesem Jahr die Delegation, die mit Landrat Sven-Georg Adenauer in die lettische Region Valmiera reiste, so groß war, lag nicht nur am 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft. Stark vertreten waren die Städte Borgholzhausen und Harsewinkel, die beide in diesem Jahr offizielle Partnerschaften mit Naukseni beziehungsweise Mazsalaca eingegangen sind. Die Borgholzhausener mit Bürgermeister Dirk Speckmann an der Spitze und die Harsewinkeler und Leitung der beiden stellvertretenden Bürgermeisterinnen Pamela Westmeyer und Regina Meißner-Schlömer hatten bei mehreren offiziellen Terminen die Partnerschaft bekräftigt.

Feierlich wurde es im historischen Landgut Naukseni, dem historischen Zentrum von Borgholzhausens Partnergemeinde. Die Nationalhymnen erklangen im Rahmen einer kleinen Feierstunde, bei der die im Juli vereinbarte Partnerschaft bekräftigt wurde, inklusive erneuter Unterschrift der Bürgermeister Janis Zuments und Dirk Speckmann. Der hatte passend zu den Bauarbeiten für den dritten Fahnenmast vor dem Rathaus von Naukseni ein Gastgeschenk mitgebracht: Die Fahne der Lebkuchenstadt weht künftig neben der Nauksenis - es reiche aber sie dann zu hissen, wenn Besuch aus dem Kreis Gütersloh anrücke, meinte Speckmann Augen zwinkernd. Bereits seit 2014 bestehen freundschaftliche Beziehungen zwischen der rund 2300 Einwohner zählenden Großgemeinde Naukseni ganz im Norden Lettlands an der Grenze zu Estland und Borgholzhausen (8833 Einwohner). Für Borgholzhausen ist es die erste Partnerschaft in Europa. Bereits im vergangenen Jahr waren die lettischen Freunde auf dem Borgholzhausener Weihnachtsmarkt vertreten. Speckmann: "Für dieses Jahr haben wir schon einen deutlich größeren Stand für euch reserviert."

Harsewinkels junge Partnerschaft mit der Großgemeinde Mazsalaca - zirka 3500 Einwohner im Vergleich zu rund 25.000 von Harsewinkel hat in der lettischen Stadt beim Besuch der Delegation aus dem Kreis Gütersloh eine symbolische Würdigung erfahren. Unterschrieben wurde die Urkunde ebenfalls im Juli dieses Jahres beim Besuch der Letten im Kreis Gütersloh. Die beiden stellvertretenden Bürgermeisterinnen Pamela Westmeyer und Regina Meißner-Schlömer pflanzten zusammen mit Bürgermeister Harjis Rokpelnis und Landrat Sven-Georg Adenauer einen Freundschaftsbaum. Die Wahl des jungen Bürgermeisters war auf eine Tanne gefallen - weil die auch im langen lettischen Winter noch grün sei. Und man könne sie schmücken zur Weihnachtszeit. Wie am Rande der Pflanzaktion erzählt wurde, hatten Unbekannte im vergangenen Winter den geschmückten Weihnachtsbaum in den Grünanalgen Mazsalacas gefällt. Hoffentlich kein schlechtes Omen für den Freundschaftsbaum.


Valmieras Wirtschaftswachstum stößt an Grenzen - Mehr Arbeitsplätze als Einwohner

Pförtner vor einer Powerpoint mit dem neuen IndustriegebietGroßbildansicht
Besuch von Albrecht Pförtner, Geschäftsführer der pro Wirtschft GT, im vergangenen Jahr in Beverina. Das Besondere an Valmieras neuem Industriegebiet - im Hintergrund auf der Powerpoint zu sehen: Es liegt im Wesentlichen in der benachbarten Großgemeinde Beverina. (Archivfoto aus 2016)

Valmiera/Gütersloh, 13.09.2017. Doloresa Volkopa, Personalreferentin des Glasfaserwerks in Valmiera, hat ein Problem: Sie findet nicht mehr genügend Arbeitskräfte. Die Stadt Valmiera, wirtschaftliches Zentrum der gleichnamigen Region, zieht schon jetzt aus einem weiten Umfeld Arbeitskräfte an: Auf 100 Einwohner der Stadt kommen über 1000 Arbeitsplätze, die Arbeitslosenqoute beträgt 4,2 Prozent. Bürgermeister Janis Baiks habe ihr gegenüber mal gesagt, er kenne jeden Einzelnen ohne Job in der Stadt. Womit er wohl ausdrücken wollte, dass die meisten von ihnen keine potenziellen Fachkräfte mehr darstellen.

Die gewaltige Anziehungskraft Valmieras hat zu einem steigenden Preisniveau auf dem Immobilienmarkt geführt, das Angebot ist nicht ausreichend. Die Stadt will jetzt gegensteuern und für die Schaffung von 700 neuen Wohnungen bis zum Jahr 2020 sorgen, 150 sollen bereits Ende dieses Jahres bezugsfertig sein. Während zahlreiche ländlichen Großgemeinden Einwohner verlieren, wächst Valmiera: Offiziell leben knapp 25.000 in der Stadt, inoffiziellen Angaben zufolge sollen es 30.000 sein. Da auch in Lettland viele staatliche Zuschüsse von der Höhe der Einwohner abhängen, will man die Zugezogenen animieren, sich auch in der zweitgrößten Stadt des Landes anzumelden.

Die Besonderheit des neuen Industriegebiets von Valmiera: Es liegt in der  Nachbargemeinde Beverina. Das Industriegebiet wird nach deutschen Maßstäben interkommunal und schließt sich räumlich direkt an den Bereich an, in dem das Glasfaserwerk Valmieras liegt. Wie auch Koceni und Burtnieki, zwei weitere angrenzende Großgemeinden, liegt Beverina im Speckgürtel Valmieras, 64 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Beverinas arbeitet in Valmiera. Wer in Valmiera ein Haus bauen will, verwirklicht das in jüngerer Zeit häufig jenseits der Stadtgrenze in den drei Nachbargemeinden. Mit 19,35 Quadratkilometern ist die ehemalige Kreisstadt Valmiera relativ klein - wenig Platz für neue Industriegebiete oder Wohngebiete. Zum Vergleich: Halle/Westfalen mit seinen rund 22.000 Einwohnern ist knapp 70 Quadratkilometer groß.  

Personalreferentin Volkopa bestätigt die Situation auf dem Wohnungsmarkt. Ihre Kreise, innerhalb derer sie nach Fachkräften sucht, zieht sie immer weiter. Vor kurzem warb sie in einer rund 100 Kilometer entfernten Ortschaft für Valmiera Glasfaser, nachdem dort eine Näherei zugemacht hatte. Fürs pendeln ist die Strecke zu weit, zum Wohnen war den Arbeiterinnen Valmiera aber zu teuer, berichtet Volkopa.

Die positive wirtschaftliche Entwicklung Valmieras zieht Menschen aus dem Umland an, ob Pendler oder ganze Familien. Seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 in Lettland haben viele Letten ihr Glück woanders gesucht, sei es gleich im Ausland, in der Hauptstadt Riga - dort lebt die Hälfte der zwei Millionen Letten - oder mitunter eben in Valmiera. Die Kehrseite der Entwicklung findet man in den Großgemeinden im Norden der Region Valmiera, etwa in Naukseni (2300 Einwohner). In der Schule der Großgemeinde werden Kinder von der 1. bis zur 12. Klasse beschult. In den Fluren hängen die Fotos der Absolventen jahrgangsweise an den Wänden. Alle Rahmen sind gleich groß, in den vergangenen Jahren ist man dort dazu übergegangen, die Fotos etwas größer zu drucken, damit die Rahmen nicht so leer aussehen. 2006 und 2007 machten noch 33 beziehungsweise 39 junge Menschen hier ihre Hochschulreife. 2016 und 2017 waren es nur noch jeweils 8.