Individuelle und intensive Unterstützung

Rheda-Wiedenbrück. Einen Job zu finden ist nicht immer leicht. Einen Job in einem fremden Land zu finden, noch weniger. Und einen Job nach mehrjähriger Zeit in der Kindererziehung zu bekommen, macht die Sache auch nicht leichter.

Organisatorinnen und Teilnehmerinnen der Maßnahme 'Perspektive für Migrantinnen' (v. l): Hilde Knüwe (Jobcenter), Tanja Krecker (GSM), Marta Gniadek, Maril Imran (sitzend), Suriye Gün (GSM),  Katarzyna Dworczak, Daniela Juratoni, Velga Kopstale und Sujatha Nades (sitzend r.). Foto: Kreis Gütersloh Großbildansicht
Organisatorinnen und Teilnehmerinnen der Maßnahme 'Perspektive für Migrantinnen' (v. l): Hilde Knüwe (Jobcenter), Tanja Krecker (GSM), Marta Gniadek, Maril Imran (sitzend), Suriye Gün (GSM), Katarzyna Dworczak, Daniela Juratoni, Velga Kopstale und Sujatha Nades (sitzend r.). Foto: Kreis Gütersloh

Um die Menschen die dies betrifft - oft Frauen -  kümmert sich im Kreis Gütersloh das Jobcenter. Für Hilde Knüwe, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsamarkt im Jobcenter, ist es daher geradezu eine Notwendigkeit, Frauen mit Migrationshintergrund auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt intensiv und angemessen zu begleiten. Deshalb unterstützte das Jobcenter jetzt eine sechsmonatige Maßnahme mit Nachbetreuung speziell für Migrantinnen. Darin lernten sie zum Beispiel das Schreiben von Bewerbungen, intensivierten die deutsche Sprache und erhielten relevante Informationen zum Bildungssystem sowie zur Berufs- und Arbeitswelt in Deutschland.

"Die Eingewöhnung in eine neue Kultur mit unbekannten und oft nicht verständlichen Regularien, mangelhaften Kenntnissen der deutschen Sprache, fehlenden Qualifikationen oder auch die Organisation von Familie und Kinderbetreuung sind vielfältige Herausforderungen, die ihre Lebenssituation in Deutschland prägen", erklärt Knüwe. "Gleichzeitig haben Frauen eine Schlüsselrolle für den Verlauf und das Gelingen des Eingliederungsprozesses von Familien ausländischer Herkunft." Daraus resultiere nicht selten ein Spannungsfeld zwischen den bekannten kulturellen Rollenbildern und den Erwartungen an eine berufliche Integration.

An der Maßnahme, die in Kooperation mit dem Bildungsträger 'Gemeinsam, Selber, Machen!' (GSM) in Wiedenbrück stattfand, nahmen zwölf Frauen regelmäßig teil. "Die Frauen kamen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern zu uns und konnten hier das Vertrauen in ihre Stärken und Ressourcen aufbauen und Ideen in eine realistische berufliche Perspektive entwickelten", erläutert Tanja Krecker von der GSM, die die Maßnahme begleitete. Viele der rund 40-jährigen Frauen kommen aus Syrien, Russland, Polen, Sri Lanka, Afghanistan oder den Niederlanden. "Die Frauen leben schon vielen Jahre in Deutschland, waren meist zurückgezogen und hauptverantwortlich für ihre Familien im Einsatz. An sich selbst haben sie nie gedacht", ergänzt Krecker. "Erst hier, in einem geschützten Rahmen, konnten sie sich über ihre Lebenssituationen austauschen und gleichzeitig Ideen entwickeln, um diese für eine spätere Arbeitsaufnahme umzusetzen."

Dies half zum Beispiel Muna Malki, alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Die 40-Jährige kommt aus Syrien und lebt seit 1990 in Deutschland. "Erst jetzt, wo die Kinder größer sind, fange ich an ein selbstständiges Leben zu führen." Als Helferin in einem Flüchtlingsheim hat sie ehrenamtlich vielen Menschen helfen können. Jetzt arbeitet sie sozialversicherungspflichtig als Stationsassistentin in einem Krankenhaus. "Dort werden ihre Hilfsbereitschaft und auch ihre sprachlichen Fähigkeiten sehr geschätzt", weiß Kräcker.

Auch Katarzyna Dwoczak, ebenfalls alleinerziehende Mutter von drei Kindern, hat über die Maßnahme wieder zu sich selber und zu einem Minijob gefunden. Die 34-Jährige kam vor drei Jahren aus Polen nach Deutschland. "Frau Dwoczak hat schnell die deutsche Sprache gelernt und sich überwiegend um die Erziehung ihrer Kinder gekümmert. Über eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit in einem Seniorenheim, gelingt es ihr jetzt selber, Schritt für Schritt am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilzunehmen", berichtet die Maßnahmebegleiterin Suriye Gün von der GSM. Sie weiß wovon sie spricht, denn auch sie hat einen Migrationshintergrund: "Die Erfahrungen aus der Maßnahme zeigen uns, dass die Frauen in der Gruppe mutiger geworden sind und sich jetzt selber etwas zu trauen." Knüwe ergänzt: "Wir werden auch in Zukunft den Ansatz der individuellen und intensiven Unterstützung für die vielen Frauen mit Migrationshintergrund im Jobcenter Kreis Gütersloh weiter fort führen." Denn nur so könnten Perspektiven für Familien mit Migrationshintergrund in der Arbeitswelt von morgen geschaffen werden.


Zum Thema: Menschen mit Migrationshintergrund

Katarzyna Dwoczak (vorne), Sujatha Nades und Daniela Juratoni (hinten) beim Schreiben von Bewerbungen.  Foto: Kreis GüterslohGroßbildansicht
Katarzyna Dwoczak (vorne), Sujatha Nades und Daniela Juratoni (hinten) beim Schreiben von Bewerbungen. Foto: Kreis Gütersloh

Im Jahr 2016 hatten rund 22 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Steigerung um 8,5 Prozent. Auch im Kreis Gütersloh ist dieser Trend erkennbar: 11,3 Prozent der Bevölkerung haben eine ausländische Staatsangehörigkeit, im Vorjahr waren es noch 9,6 Prozent.

Ein wichtiger Aspekt der Integrationspolitik und der gesellschaftlichen Integration ist die Teilhabe am Arbeitsleben. Hier zeigen sich (noch) deutliche Unterschiede: Bundesweit gehen Menschen mit Migrationshintergrund (40 Prozent) seltener einer Erwerbstätigkeit nach als Menschen ohne Migrationshintergrund (47 Prozent). Zudem zeigt sich, dass das traditionelle Familienbild mit dem alleinverdienenden Vater bei den Familien mit Migrationshintergrund verbreiteter ist als bei den Familien ohne Migrationshintergrund. Ein Hinweis darauf gibt die Geschlechterverteilung bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten: Während bei den Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ein Frauenanteil von 30 Prozent vorliegt, sind die Frauen bei den Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit mit einem Anteil von 41 Prozent vertreten.

Auch im Jobcenter Kreis Gütersloh waren im Jahr 2016 im Durchschnitt  2.348 Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit auf zusätzliche (Hilfe-) Leistungen angewiesen. Von ihnen haben in den vergangenen 24 Monaten bereits 55 Prozent (1.315) mindestens 21 Monate Leistungen bezogen und zählen somit zu den Langzeitleistungsbeziehenden.