Arbeitsgruppensitzung im Kreishaus: Unaufgeregt und mitten im Leben - Demografie

Gütersloh, 23.03.2012. Sind wir ausreichend vernetzt? Klar, denken am Anfang alle. Am Ende lautet die Erkenntnis für viele: Da gibt es doch Lücken. Das Dazwischen nennt sich "Arbeitsgruppe Demografie". Wilhelm Gröver, Demografiebeauftragter des Kreises Gütersloh, führt durch die Arbeitsgruppe.

Demografiebeauftragten aus den Städten und Gemeinden im Kreishaus Gütersloh
Ein Morgen, ein Thema, viele Beteiligte: Wer mit dem Thema Demografie zu tun hat, sollte sich vernetzen. Diesen Austausch pflegten jetzt die Demografiebeauf-tragten aus den Städten und Gemeinden im Kreishaus Gütersloh. Hinten rechts: Wilhelm Gröver, Leiter des Arbeitskreises.

Demografiebeauftragte aus den Kommunen und aus der Kreisverwaltung sitzen am Tisch. Ebenso Arbeitsgruppenmitglieder der Fraktionen.

Der Schatz der Versammlung sind ihre Daten. Als Demografiebericht liegen sie vor ihnen auf dem Tisch: 230 Seiten "Vorausberechnung der Bevölkerung für die Städte und Gemeinden des Kreises Gütersloh". Lob gibt es übrigens aus dem Mund des Privatdozenten Dr. Jürgen Flöthmann. Der Kreis Herford blicke anerkennend nach Gütersloh, wo man es zu einem flächendeckend kreisweiten Bericht gebracht habe.

Ins selbe Horn stößt Landrat Sven-Georg Adenauer bei seiner Begrüßung. Lob. Erstens dafür, dass das Thema Demografie gemeinsam vom Kreis und seinen Kommunen angepackt wird. Zweitens für die Bereitschaft, auch auf die nächst größere Einheit zu schauen. "Wir sitzen ja alle in einem Boot." Sein Wunsch für diesen Morgen: Das Ganze "unaufgeregt" angehen, dem Thema "mit einer gewissen Gelassenheit" begegnen.

Jürgen Flöthmann und Reinhard Loos
Erstellten den Datenschatz für den Kreis Gütersloh: Privatdozent Dr. Jürgen Flöthmann und Diplom-Volkswirt Reinhard Loos von der Uni Bielefeld.

Ziemlich klar ist allen, dass die Schulabteilung zur Planung wissen muss, wie viele Sechsjährige in der Stadt, in der Gemeinde, im Kreis wohnen. Logisch auch, dass mehr Singles in der Gesellschaft mehr kleinere Wohnungen nachfragen. "Die Anzahl der Haushalte nimmt bei abnehmender Bevölkerung zu", weiß Diplom-Volkswirt Reinhard Loos von der Uni Bielefeld. Und als Mitarbeiter im Forschungsprojekt kennt er auch die Hintergründe: "Single-Frauen ziehen nicht zum Arbeitsort, wenn sie befristete Arbeitsverhältnisse haben, das ist zu teuer. Verwitwete Ehepartner bleiben allein in der angestammten Wohnung."

Was hat aber die U-3-Betreuung mit einem Fahrermangel bei einem Logistikunternehmen in Versmold zu tun? Zunächst nichts. Weiß man, dass die Firma vorausschauend Fahrer aus europäischen Ländern anwirbt, dann kann man sich vorstellen, dass dieser Zuzug eine Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt zur Folge haben wird. Zuziehen werden Familien. Und wenn der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz im August 2013 gültig wird, werden eben solche Plätze fehlen. An dieser Stelle profitiert die Kommune ebenso wie die Wirtschaft von zuverlässigen und belastbaren Berechnungen.

Wilhelm Gröver
Leiter des Arbeitskreises Demografie: Wilhelm Gröver

An einer Lotsenfunktion arbeitet daher die Stadt Versmold. Sie hat verstärkt Zuzüge aus Polen und Spanien - Familien, Singles, alle Altersklassen. Lotsen für die Willkommensstruktur sollen behilflich sein beim Arbeit finden, sich anmelden, Wohnraum finden oder einen Integrationskurs buchen. Andere Kommunen machen es ähnlich.

Zwischen Kaffee und Mineralwasser die Erkenntnis: Man arbeitet am selben Thema und hat doch von einander nicht gewusst. "Das mit den Lotsen kann man nachlesen", sagt Wirtschaftsförderer Albrecht Pförtner, "im Netz bei der proWirtschaft." Auch der Wunsch nach Arbeitsteilung wird laut. Nicht jeder muss jedes Thema bearbeiten, keiner das Rad immer wieder neu erfinden. Im Englisch sprachigen Raum existiert dafür eine nette Zusammenfassung: "It's networking or not working."

Harsewinkels Sensibilität fürs Thema Demografie zeigt sich in einer breiten Palette von Themen, die schon angepackt wurden: Sprachförderprojekte in Kindertagesstätten und Grundschulen, Fragebogenaktion zur Verbesserung des Alltags von Senioren, eine Begehung von Geschäften gemeinsam mit einem Sportverein. Ziel. Sensibilisieren. Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man im Alter eingeschränkt ist? Auch im Stadtgebiet: Wo stolpert man, wo sind Barrieren, dunkle Ecken oder Hindernisse? Die Zukunft des Demografie-Themas stellt sich Wilhelm Gröver so vor: "Die Kollegin aus Schloß Holte-Stukenbrock weiß, was die in Versmold macht. Man kennt sich. Man telefoniert und mailt miteinander und man profitiert voneinander. Wir haben engagiert Leute, die richtig gute Projekte machen - immer am Rande der eigenen Kapazitäten. Sie müssen aber besser kommunizieren."

Hamburg macht es. Der Raum Stuttgart tut es auch. Zuzug generieren. Zuzugsstrategien sollen Menschen in die Region, in den Kreis führen. Auch hier könnte ein Netzwerk hilfreich sein.

Wenn Dr. Wolfgang Schwentker den Kreisfeuerwehrverbandstag besucht, dann sitzt vor ihm der personifizierte demografische Wandel. Dort die immer größer werdenden Alters- und Ehrenabteilungen, hier die hoffnungsvolle Zukunft der Jugendfeuerwehren. Weiblich. Nicht immer, aber immer öfter. Und Schwentker treibt die Frage um, wie man vitale ältere Menschen in Anspruch nehmen kann. Denn es gibt zwar in den Wehren diejenigen, die nicht mehr können, aber auch diejenigen, die nicht mehr dürfen, weil sie mit 60 aus dem aktiven Dienst ausscheiden. "Der ländliche Raum ist tagsüber ausgeblutet, wenn alle arbeiten." Viele sind ehrenamtliche Kräfte. "Wir müssen für die Tagesabdeckung mehr Frauen rekrutieren", so der Leiter der Abteilung Ordnung. Eigentlich müssen sie 13 mal mehr Frauen gewinnen, bei 13 Kommunen im Kreis.

Fortschreibung des Demografieberichtes? Ja, bitte. Da ist sich die Arbeitsgruppe einig, weil aktualisierte Daten wünschenswert seien. Vorgesehen ist das in etwa vier bis fünf Jahren. Jürgen Flöthmann und Reinhard Loos referieren gern in Fraktionen, Räten und Ausschüssen: "Es gibt immer eine Präsentation und dann kommen wir ins Gespräch. Was das kostet, fragt beim letzten Tropfen Tagungskaffee ein Arbeitskreismitglied. Dazu antworten die Bielefelder Demografieexperten: "Es ist noch nie an den Finanzen gescheitert."