Bildungskonferenz - Wege zur Inklusion: "Was kann ich morgen tun?"

Gütersloh, 30.04.2012. "Ich spreche morgen meine Bürgermeisterin an, um Inklusion zum Thema zu machen", steht auf dem Karton, der neben vielen anderen auf einer riesigen Karte des Kreises Gütersloh liegt. Drumherum Akteure aus dem Bildungsbereich, die in Gruppen noch viele weitere Kartons beschriftet haben.

WDR-Moderatorin Brigitte Büscher interviewt Teilnehmer zum Auftakt der Veranstaltung auf dem Podium
Zum Auftakt interviewte WDR-Moderatorin Brigitte Büscher (r.) auf dem Podium (v.l.) Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann (Halle/Westf.), Bürgermeister Hubert Erichlandwehr (Schloß Holte-Stukenbrock), Kreisdirektor Christian Jung, Michael Uhlich (Leiter der Schulabteilung Bezirksregierung Detmold) und Gudrun Mackensen, Leiterin des Bildungsbüros für den Kreis Gütersloh.

Immer unter dem Aspekt, welche Herausforderungen das Thema Inklusion mit sich bringt und welche Lösungen es gibt. Und Antworten auf die Frage: "Was kann ich morgen tun?" Rund 130 Vertreter aus Politik, Schulen, Verwaltung und Jugendarbeit waren ins Kreishaus gekommen, um sich auf der Bildungskonferenz mit einem der großen aktuellen Themen zu befassen: Inklusion.

Der Name der Bildungskonferenz war mit Bedacht gewählt: "Wege zur Inklusion - Stolpersteine, Bausteine, Meilensteine in der Bildungsregion Kreis Gütersloh." Viele Menschen, viele Meinungen - "unsere Absicht ist es, das Thema von vielen Seiten zu betrachten und deutlich zu machen: Wir stehen ganz am Anfang", erklärte Gudrun Mackensen, Leiterin der Abteilung Schule, Bildungsberatung und Sport und Leiterin des zusammen mit dem Land NRW aufgebauten Bildungsbüros Kreis Gütersloh. Ängste, Chancen, Risiken - die Bildungskonferenz ließ keinen Aspekt aus. Und zeigte, dass Inklusion mehr bedeutet, als behinderte Schüler am Regelunterricht teilnehmen zu lassen. Schon ein bisschen weniger Ausgrenzung, weniger Diskriminierung bilden die ersten Schritte zur Inklusion.

Kreisdirektor Christian Jung mit Gudrun Mackensen
Kreisdirektor Christian Jung positioniert sich auf der Skala ganz dicht am Feuer-und-Flamme-Symbol

Vieles war anders als bei normalen Konferenzen: Absperrbänder, Straßenschilder, Stolpersteine in Form großer Kartons. Die Arbeitsgruppen hießen "Denkräume" und behandelten unterschiedliche Ansätze: Den "Gütersloher Weg", den "Jenaer Weg", "Wege durch den Kreis Gütersloh" und den "Rheda-Wiedenbrücker Weg". Vom organisierenden Bildungsbüro eingeladene Referenten stellten, begleitet von Moderatoren, Best-Practice-Beispiele auf dem Weg zur Inklusion vor. Eine Skala am Boden des großen Sitzungsraums sollte verdeutlichen, wo die Teilnehmer stehen. Lässt sie das Thema Inklusion eiskalt oder sind sie Feuer und Flamme? Kreisdirektor Christian Jung, der die Teilnehmer begrüßte und nach eigenen Angaben zurzeit 30 Prozent seiner Arbeitszeit mit Inklusion verbringt, stand ganz dicht am Feuer-und-Flamme-Symbol.

Wo die Reise hingehen kann, zeigte Prof. Dr. Rolf Werning vom Institut für Sonderpädagogik der Leibniz-Universität Hannover. Er war gedanklich vielen im Saal fünf Schritte voraus, verstand es aber, seine Botschaften zu transportieren. Eigentlich, so die Rückmeldung aus dem Plenum, müsse er seinen Vortrag in jeder der 13 Kommunen wiederholen.

Brigitte Büscher mit Prof. Dr. Rolf Werning
Moderatorin Brigitte Büscher im Interview mit Prof. Dr. Rolf Werning.

Inklusion, so Werning, sei eine der zentralen Herausforderungen des Bildungssystems. Er machte aber auch deutlich, dass Inklusion nicht nur eine Frage des Bildungswesens ist, sondern der Gesellschaft. Werning erweiterte den Blick: Es gehe, gerade wenn man sich international umsehe, nicht nur um Behinderung oder Lernschwäche. Auch Armut, Geschlecht oder ethnische Herkunft seien Selektionskriterien. Werning warb daher dafür, mit der Minimierung von Diskriminierung jeglicher Art zu beginnen. "Inklusion kann morgen anfangen, in dem ich mich frage, wird hier vor Ort jemand diskriminiert?"

Teilnehmer positionieren ihre Kartons auf einer großen Kreiskarte
Nach den Arbeitsgruppen verteilten die Teilnehmer ihre Herausforderungen, Lösungen und Ideen, was sofort getan werden könnte, auf einer großen Kreiskarte.

Als einen riesigen Stolperstein empfindet der Experte das deutsche Schulsystem: "Wir versuchen, Inklusion in einem hoch selektiven Schulsystem zu etablieren. Allein schon der Gedanke ist dem deutschen Schulsystem fremd, in dem sehr stark nach Leistung selektiert wird."

Für Inklusion gibt es laut Werning viele Argumente. Er respektiere, dass gerade bei Eltern Ängste vorherrschen. Aber er warnt: "Inklusion scheitert, wenn die Mittelschicht nicht bereit ist, diese Kinder in ihrer Mitte aufzunehmen." In heterogenen Lerngruppen profitieren nicht nur die schwachen Schüler, sondern auch die guten. Nur wenn diese Gruppen falsch zusammen gesetzt seien, nämlich dann, wenn zu wenig gute Schüler in ihnen sind, dann schaden sie guten Schülern. Geht es nach Werning, müsste das dreigliedrige Schulsystem abgeschafft werden, um eine Vorraussetzung für die Inklusion zu schaffen.

Am Ende der Bildungskonferenz mussten sich erneut alle Teilnehmer entscheiden, ob sie das Thema kalt lässt oder ob sie Feuer und Flamme für Inklusion sind. Auf der Feuer-und-Flammen-Seite, die Kreisdirektor Jung bereits zu Beginn besetzt hatte, wurde es deutlich enger. Skeptischer ist Landrat Sven-Georg Adenauer. "Ich bekomme viele Anrufe von Eltern, die befürchten, ihr Kind sei außerhalb der Förderschule überfordert. Mehr als von solchen, die ihr Kind an einer Regelschule unterbringen wollen." Er plädierte dafür, das Thema nicht ideologisch zu besetzen, sondern sich gründlich zu informieren, um eine von möglichst vielen getragene Entscheidung zu treffen. Den Anfang dazu machte das Bildungsbüro des Kreises Gütersloh mit der Bildungskonferenz.