Gärsubstrat aus Biogasanlage ausgelaufen: Fischereigutachten - Hessel braucht drei Jahre zur Erholung

Gütersloh, 19.06.2012. Das am 12. April ausgelaufene Gärsubstrat aus einer Biogasanlage hat die Neue Hessel massiv geschädigt. Zu dieser Erkenntnis kommt Diplom-Biologe Dr. Hartmut Späh in seinem Gutachten. Der Kreis Gütersloh hatte den Sachverständigen für Fischerei und Gewässerökologie beauftragt, den Schaden zu beurteilen. Sein Gutachten zum Schaden am Fließgewässerökosystem liegt nun vor.

Schmerle im Bach
Schmerle im Bach

Am 12. April gelangten vermutlich mehr als 30 Kubikmeter Gülle und Maishäckselgut in den Oberlauf der Hessel. In den Tagen danach waren sehr starke Schaumbildung und eine Dunkelfärbung des Baches zu beobachten. Es wurden tote Fische in erheblicher Anzahl von Schloß Holtfeld bis Wanfahrtsmühle gefunden - überwiegend Gründlinge, Bachschmerlen und Plötzen.

Gülle und Silagesickersäfte sind stark Wasser gefährdend. Bei deren Auslaufen soll Giftalarm, wie bei Ölunfällen gegeben werden. Wie giftig Gülle und Silage in Gewässern wirken, zeigt sich beispielsweise am Vergleich des chemischen Sauerstoffbedarfs. Gärsubstrat aus Biogasanlagen kann einen chemischen Sauerstoffbedarf je nach Ausgangsstoffen um die 70.000 Milligramm pro Liter aufweisen. Zum Vergleich: Häusliches Abwasser kommt auf 600 Milligramm pro Liter und in einem gesunden Gewässer liegt die Belastung unter 20 Milligramm pro Liter.

Auf einer Fließstrecke von zirka 4,5 Kilometern zwischen der Bahnlinie unterhalb des Hofs mit der Biogasanlage und der Wanfahrtsmühle wurden die "Fischbestände nahezu völlig vernichtet", stellt der Gutachter fest. Betroffen waren hiervon unter anderem die Fischarten Gründling, Bachschmerle und Plötze. Die Elektrotestbefischung des Fischereibiologen an sieben Stellen konnte bis zur Bahnlinie keine Fische nachweisen. Erst in Höhe der Casumerstraße ließen sich Dreistachelige Stichlinge in mäßigen Beständen sowie zwei Groppen nachweisen. Im Sandfang unterhalb dieser Probestelle fand man 120 tote Gründlinge. Auch die Benthosfauna (Kleinlebewesen im Bach, die selbst Nahrung für andere Arten sind) wurde als wesentliche Nahrungsbasis für Fische im Oberlauf der Neuen Hessel auf einer Strecke von zirka 1,5 Kilometern unterhalb der Einleitungsstelle geschädigt.

Das Fazit des Fischereiexperten: "Eine Wiederherstellung des ursprünglichen Fischbestandes in der Neuen Hessel ist in etwa drei Jahren zu erwarten. Bei den Benthosorganismen wird dieser Zeitraum etwa ein bis zwei Jahre betragen." Späh führt das Fischsterben und die Vernichtung der Benthosorganismen auf Sauerstoffzehrung mit fischtoxischen Konzentrationen von Nitrit und Ammoniak zurück.

Neben dem finanziellen Schaden für den Versmolder Fischereiverein sieht Späh die Vogelwelt besonders betroffen. Die Neue Hessel sei potenzielles Brutrevier von Eisvogel und Wasseramsel. Beide Vogelarten ernähren sich ausschließlich von Fischen beziehungsweise Wasserinsekten. Ihnen werde für die nächsten ein bis drei Jahre die Ernährungsgrundlage fehlen oder nur sehr eingeschränkt gegeben sein.

Die Untersuchungen nach dem Schadensfall brachten noch ein weiteres Ergebnis zutage: Organische Belastungen des Gewässers müssen schon "über einen längeren Zeitraum erfolgt sein", da sich im Bach bereits Rasen von Abwasserpilzen und Abwasserbakterien gebildet hatten. Dies geschieht nur dann, wenn eine längerfristige permanente Einleitung von organischen Belastungsstoffen erfolgt. Die Untere Wasserbehörde hat zu dem Gutachten Stellung genommen und den Vorgang der Kriminalpolizei übergeben.