Heimatjahrbuch 2014: Vom Spuk im Moor und spektakulären Truhen

Gütersloh, 02.12.2013. Welche Erfolge feierte der Gospelchor "Rejoice" aus Langenberg in den USA? Warum spukt ein Abt auch 300 Jahre nach seinem Tod noch durch das Marienfelder Hühnermoor? Was hat die Sparkasse Gütersloh in den 150 Jahren ihres Bestehens alles für die Menschen in der Region geleistet hat?

Das Team stellte das Heimat-Jahrbuch für den Kreis Gütersloh vor
Stellten das Heimat-Jahrbuch für den Kreis Gütersloh im Museum Wiedenbrücker Schule vor (v.l.): Martin Maschke (Kreisheimatpfleger), Verleger Friedrich Flöttmann, Kreisdirektorin Susanne Koch, Chefredakteur Ralf Othengrafen, Eva Bloss-Vögler (stellv. Leiterin der Stadtbibliothek Werther und Redaktionsmitglied), Fritz Fischer (ehemaliger Chefredakteur und Mitbegründer des Heimat-Jahrbuchs), Manfred Schumacher (Wiedenbrücker Schule Museum), Eckhard Möller (Archivar Harsewinkel und Herzebrock-Clarholz und Redaktionsmitglied) sowie Autorin Christiane Hoffmann.

Wie kommt es, dass das älteste Möbel Westfalens aus Borgholzhausen stammt? Was hatte ein Haller Apotheker mit dem Vater von Karl Marx zu tun? Und warum waren Kinderspiele auf Betriebsausflügen in den 1950er Jahren so beliebt?

All das - und noch vieles mehr - ist im neuen Heimat-Jahrbuch für den Kreis Gütersloh nachzulesen. Der Föttmann-Verlag, das Redaktionsteam und der Kreis Gütersloh stellten die neueste Ausgabe am Montag, 2. Dezember, vor Ort vor - im Museum Wiedenbrücker Schule, durch das Autorin Christiane Hoffmann in einem der 25 Beiträge führt.

Richard Zelenka nimmt die Leser mit auf eine kurze Reise durch das Marienfelder Hühnermoor. In dem einzig noch erhaltenen Hochmoor im Kreis Gütersloh kann man auf einem Rundgang die Natur genießen und eine Vielzahl an Pflanzen und Tierarten entdecken. Aber auch spannende Mythen ranken sich um das Hühnermoor, dem ältesten Naturschutzgebiet im Kreis Gütersloh. So wird erzählt, dass Abt Johannes Rulle auch 300 Jahre nach seinem Tod keine Ruhe findet und immer noch durch das Moor spukt.

Dr. Gerhard Renda widmet sich dem ältesten Möbelstück Westfalens. Eine Truhe aus Borgholzhausen, die im Historischen Museum Bielefeld aufbewahrt wird, ist dank neuerster Untersuchungen auf etwa 1170 und damit auf die Epoche Kaiser Friedrich Barbarossas datiert worden. Eine spektakuläre Entdeckung, die so manche Rückschlüsse und Spekulationen zulassen. Stammt die Truhe etwa von der Burg Ravensberg? Und was haben die Grafen von Ravensberg wohl in der auch damals schon sehr wertvollen Truhe aufbewahrt?

Erstmals im Heimatjahrbuch wurde das Format des Interviews gewählt, um die Entwicklung der Sparkasse Gütersloh von ihrer Gründung 1863 bis in die Gegenwart nachzuvollziehen. Im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden Jörg Hoffend wird deutlich, warum auch Harsewinkel zur Sparkasse Gütersloh gehört, wie die Sparkasse die "Aufs und Abs" in der Geschichte meisterte (man denke nur an die Finanzkrise der vergangenen Jahre) und welche Anstrengungen die Sparkasse nach dem Zweiten Weltkrieg unternommen hat, um den Wiederaufbau zu begleiten.

Auch die Kommunale Haus und Wohnen GmbH war hier vielfach engagiert. Vor 60 Jahren wurde sie als Kreisheimstätte Wiedenbrück gegründet, um insbesondere den Angehörigen der sozial und wirtschaftlich schwächeren Bevölkerungsschichten den Erwerb von Wohneigentum zu ermöglichen. Daraus hat sich eine Erfolgsgeschichte entwickelt: Heute präsentiert sich die Kommunale Haus und Wohnen GmbH als modernes Dienstleistungsunternehmen mit breiter Angebotspalette, wobei der Bau und die Verwaltung von Sozialwohnungen nach wie vor die Kernaufgabe bilden.

Dass auch die Kirchenmusik Erfolgsgeschichten schreiben kann, zeigen zwei Beispiele aus dem Kreis Gütersloh. Der Gospelchor "Rejoice" aus Langenberg wurde 1996 ins Leben gerufen. Stetig hat er seine musikalische Qualität erweitert, was sich 2007 in einer ersten CD-Produktion und 2012 in zwei Silbermedaillen bei der Chor-Weltmeisterschaft in Cincinnati/Ohio (USA) niederschlug. Einen anderen Zugang zur Kirchenmusik bieten drei Konzertreihen in der St. Clemens-Kirche zu Rheda. Mit der "Orgelmusik zum Feierabend", der "Geistlichen Abendmusik" und den "Rhedaer Orgeltagen" wird einem stetig wachsendem Publikum unter Beteiligung international bekannter Organisten die musica sacra näher gebracht.

Auch der 2012 verstorbene, weltbekannte Komponist Hans Werner Henze wird im Heimatjahrbuch gewürdigt. In seinen persönlichen Erinnerungen zeichnet der ehemalige Leiter des Gütersloher Theaters Klaus Klein nach, wie ihn der Komponist und sein Werk während seines Berufslebens begleitet haben. Er berichtet von ihrem ersten Treffen im Jahr 1985, von den Besuchen Henzes in seiner Heimatstadt und von erfolgreichen Aufführungen der Werke Henzes in Gütersloh.

Einen Rundgang durch das Museum Wiedenbrücker Schule bietet der Beitrag von Christiane Hoffmann. Auf den drei Etagen des Museums wird die Geschichte der Wiedenbrücker Schule und der Stadt Wiedenbrück dank vielfältiger interaktiver Ausstellungseinheiten zu einem spannenden Erlebnis. Die Wiedenbrücker Schule war ein loser Verbund von Künstlern und Kunsthandwerkern, die im Netzwerk große Aufträge erledigten.

In die Zeit des Wirtschaftswunders nimmt uns der Leiter des Stadtmuseums Dr. Rolf Westheider mit. In den 1950er Jahren setzte nach den Leiden und Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Die Betriebe waren wieder in der Lage, an eine Gegenleistung für den Einsatz ihrer Belegschaften zu denken. Das galt auch für Betriebe aus Gütersloh und Harsewinkel, die Betriebsausflüge mit der Teutoburger-Wald-Eisenbahn zur Freilichtbühne in Tecklenburg und zum Gasthaus "Zur Felsenquelle" in Höste anboten. Die Menschen genossen das Amüsement ohne politische Kontrolle und die Geselligkeit mit reichlich Essen und Trinken. Selbst Kinderspiele wie das "Hahnenschlagen" standen dabei hoch im Kurs.

Von der wechselvollen Geschichte der 1721 erstmals genannten Adler-Apotheke in Halle/ Westf. berichtet Michael Bleisch. Die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen für die Apothekenbetreiber ziehen sich wie ein roter Faden durch die beinahe 300jährige Geschichte dieser ältesten Haller Apotheke. Doch es kommen auch interessante und kuriose Verbindungen zu Tage: So stieg der Sohn des Apothekers Hermann Christian Hæge I. (1746-1806) immerhin zum Bürgermeister von Gütersloh auf. Und ein späterer Besitzer der Adler-Apotheke trat der Osnabrücker Freimaurerloge bei: Unter den Logenbrüder fand sich auch der junge Advokat Heinrich Marx, Vater des Philosophen Karl Marx.

Auch mit der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (G. F. Kennan), als die der Erste Weltkrieg häufig bezeichnet wird, befasst sich das Heimat-Jahrbuch. Der Erste Weltkrieg bedeutete für Millionen von Soldaten Tod, Verstümmelung und Gefangenschaft, für die Menschen in der Heimat Mangelwirtschaft und die zunehmende Vereinnahmung für Kriegszwecke. Den Auswirkungen des Krieges auf die Menschen im Kreis Gütersloh widmet sich das Heimatjahrbuch in der aktuellen und in den kommenden Ausgaben.

Das seit 1982 erscheinende "Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh" liegt jetzt in seiner 32. Ausgabe vor. Es präsentiert sich in einem neuen frischen Layout, wobei der bewährte Mix aus Geschichte, Wirtschaft, Natur, Freizeit, Bildung, Kirche und Kultur natürlich beibehalten wurde. Es wird vom Kreis Gütersloh herausgegeben und erscheint mit einer Auflage von 3.500 Exemplaren im Flöttmann Verlag Gütersloh. Die redaktionelle Leitung hat Ralf Othengrafen; Kreisarchivar.

Der farbige, reich bebilderte Jahresband enthält auf 176 Seiten 25 Einzelbeiträge. Im örtlichen Buchhandel oder über den Flöttmann Verlag Gütersloh kann das Buch zum Preis von 11,50 Euro erworben werden. Auf den Internetseiten des Kreisarchivs finden Interessierte einen Index mit den bisher erschienenen Themen.

Natürlich ist das Heimat-Jahrbuch, neben den vorherigen Ausgaben, auch in der Präsenzbibliothek des Kreisarchivs Gütersloh verfügbar. Wer zu Orts- oder Regionalgeschichte forscht, Schulprojekte vorbereitet oder Familienforschung betreibt, findet dort auch weitere Beratung.


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