Das Kreisarchiv - schriftliches Gedächtnis des Kreises

Von Kim Wellmann Gütersloh. Jeden Tag gehen allerlei Akten über die Bürotische der Kreisverwaltung: Ausschüsse tagen, es werden Protokolle geschrieben, Personalien verwaltet – doch was passiert, wenn so eine Akte geschlossen wird? Dann sind Ralf Othengrafen und sein Team vom Kreisarchiv im Haus des Bauern in Rheda-Wiedenbrück gefragt.

Ralf Othengrafen
Ralf Othengrafen in einem der drei Magazine des Kreisarchivs im Haus des Bauern in Rheda-Wiedenbrück. Der Kreisarchivar leitet das schriftliche Gedächtnis des Kreises.

Für Othengrafen als gebürtiger Ostwestfale eine Herzensangelegenheit: "Die Arbeit im Kreisarchiv bedeutet für mich Gestaltung der Gegenwart und Zukunft durch das schriftliche Gedächtnis des Kreises Gütersloh." Denn als Dokumentationsstelle des Kreises Gütersloh verwahrt das Kreisarchiv die historischen Überlieferungen der Altkreise Halle und Wiedenbrück, der Gemeinde Langenberg, der heutigen Kreisverwaltung und kreisweit tätiger Vereine, Verbände und Privatpersonen - gut 1.200 Regalmeter mit über 10.000 historischen Akten, zahlreichen Karten, Plänen und Fotos. Zu den Beständen zählt auch der schriftliche Nachlass des Expressionisten Peter August Böckstiegel. "Als eine unserer wichtigsten Aufgaben sehen wir die Identitätsstiftung unseres Kreises und unserer Region. Dafür ist ein gewisses Maß an historischem Verständnis notwendig. Und durch unser Archiv wird die Kreisgeschichte erlebbar", erläutert Othengrafen, gelernter Archivar und studierter Historiker.

Wenn Unterlagen beim Kreisarchiv eingehen, bewertet der Kreisarchivar deren Archivwürdigkeit. "Wir müssen historisch Wertvolles identifizieren und das sind zirka fünf bis zehn Prozent der Dokumente", so Othengrafen. Neben der Verzeichnung der Dokumente gehört zur klassischen Archivarbeit auch die Bestandserhaltung. Die Unterlagen werden von Metall und Plastik befreit sowie vor Staub und Sonnenlicht geschützt. Dabei steht das Team vor einem Problem. Othengrafen beklagt: "Mit dem Übergang zur industriellen Fertigung von Papier wurden Säuren verwendet, die das Papier langfristig zerstören." Spezialisierte Unternehmen können die Unterlagen entsäuern - für das Kreisarchiv zirka vier Meter Akten im Jahr. "Zu wenig", so Othengrafen, "denn dann sind unsere Bestände erst in 60 Jahren entsäuert." Doch für mehr Akten ist das Verfahren zu kostspielig, trotz eines Landeszuschusses von 70 Prozent jährlich.

Neben der Funktion als Dokumentationsstelle versteht sich das Kreisarchiv vor allem als Bildungseinrichtung. So können Wissenschaftler, Heimatforscher, Lehrer und Schüler für ihre Recherchen auf ungefähr 60 Prozent der Unterlagen des Archivs zurückgreifen - der Rest ist entsprechend gesetzlicher Fristen nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. So archiviert Jessica Junker, Mitarbeiterin im Archiv, derzeit beispielsweise die Protokolle der Leitungskonferenzen während der Amtszeit der ehemaligen Landrätin Ursula Bolte. Diese dürfen aus datenschutzrechtlichen Gründen erst nach langjährigen Schutzfristen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Archivalien, die für die Recherchen benötigt werden, können dann im Leseraum des Kreisarchivs eingesehen werden, wo auch eine gut sortierte Präsenzbibliothek zur Verfügung steht.

Zur Bildungsarbeit zählt zudem die aktive Vermittlung von Geschichte. In den Räumen des Kreisarchivs kann beispielsweise die Dauerausstellung "Böckstiegel schreibt" besichtigt werden, mit zahlreichen Schriftstücken des Arroder Expressionisten. Die Schriftstücke wurden von Archivmitarbeiter Thomas Sinnreich in jahrelanger Arbeit entschlüsselt und transkribiert, um sie der Nachwelt zugänglich zu machen. Die Wanderausstellung "Ein Koffer voll Hoffnung", die zurzeit im Rathaus in Borgholzhausen zu sehen ist, beschäftigt sich mit Zeitzeugen der Arbeitsmigration in den 1950er bis 1970er Jahren im Kreis Gütersloh. Ebenso veröffentlicht das Kreisarchiv in regelmäßigen Abständen eine eigene Schriftenreihe, um die Geschichte des Kreises weiterzugeben und Othengrafen ist Chefredakteur des Heimatjahrbuchs.

Das Kreisarchiv bietet auf Anfrage Gruppenführungen an, die bei Bedarf auch regionale oder thematische Schwerpunkte setzen können. Bei Interesse ist das Kreisarchiv telefonisch unter 05241 - 852003 oder per E-Mail unter geschützte E-Mail-Adresse als Grafik zu erreichen. Weitere Informationen unter www.kreis-guetersloh.de (Kreisarchiv).