Dörfer zeigen sich von ihrer besten Seite

Gütersloh, 15.09.2017. Gemüsekiste, Abenteuerspielplatz und Mitfahrerbank – knappe 90 Minuten Zeit hatten die Dörfer, um der Wertungskommission von ‚Unser Dorf hat Zukunft‘ ihre Ideen und Investitionen in die Zukunft zu präsentieren.

Die Kommission
Die Kommission: Jedes Jurymitglied bewertet andere Teilaspekte

Sieben Ortsteile hatten sich im Vorfeld zur ersten Runde des Wettbewerbs auf Kreisebene angemeldet: Hesselteich (Versmold), Varensell (Rietberg), Lintel, St. Vit (beide Rheda-Wiedenbrück), Benteler (Langenberg), Stuckenbrock-Senne und Liemke (beide Schloß Holte-Stukenbrock).

In fünf verschiedenen Kategorien bewertete die Kommission, was sich die Dörfer einfallen ließen, um ihren Ortsteil attraktiv und nachhaltig für die Zukunft zu gestalten.






Bürgermeister Michael Meyer-Hermann und Heinz-Wilhelm Wacker mit zahlreichen Hesselteichern
Bürgermeister Michael Meyer-Hermann und Heinz-Wilhelm Wacker begrüßen die Kommission zusammen mit zahlreichen Hesselteichern.

Ganz im Norden des Kreises startete die Bereisung in Hesselteich

Bürgermeister Michael Meyer-Hermann, Hans-Wilhelm Wacker, Sprecher der Dorfgemeinschaft, und über 30 Hesselteicher begrüßten die Kommission am Dorfplatz, dessen Neugestaltung durch frühere Wettbewerbsteilnahmen gefördert wurde. Im Zentrum der Präsentation stand die bauliche Entwicklung des Ortes. Unter dem Stichwort 'wachsen oder weichen' werden viele landwirtschaftliche Betriebe in den kommenden Jahren umstrukturiert werden. Wenn einige wachsen und Land dazu pachten, werden andere sich verkleinern beziehungsweise nur Resthöfe übrig bleiben. An drei Beispielen zeigten die Dorfbewohner, wie die Resthöfe in der Zukunft genutzt werden können. Ein spannendes Konzept setzen aktuell Matthias Hoffmeier und Pirjo Susanne Schack um: Die beiden bauen Teile ihres Bio-Bauernhofs zu Wohnraum um. Es entstehen vier Wohnungen und ein gemeinsamer Aufenthaltsraum. So soll eine Gemeinschaft mehrere Generationen entstehen. Auch über das Angebot eines Mittagstisches im Gemeinschaftsraum für alle Hesselteicher denken Hoffmeier und Schack nach.

Ein konkretes Projekt, an welchem die Zusammenarbeit der Dorfgemeinschaft und der Stadt sichtbar wird, ist der Neubau des Gebäudes für die Freiwillige Feuerwehr. Dabei wird gleich ein Raum extra mitgebaut, der als Mehrzweckraum für die Dorfgemeinschaft gedacht ist.

Mit dem Oldtimer-Bus 'Hans Dampf', Bürgermeister Andreas Sunder und Schwester Teresa von den Benediktinerinnen durch Varensell.
Mit dem Oldtimer-Bus 'Hans Dampf', Bürgermeister Andreas Sunder und Schwester Teresa von den Benediktinerinnen durch Varensell.

Varensell: ein Neuling im Wettbewerb

Auf einer Dorfrundfahrt mit dem stadtbekannten Bus 'Hans Dampf' bekam die Kommission einen Überblick über die Grüngestaltung des Ortes, die ansässige Industrie und den Handel. Ein Zwischenstopp beim Bauernhof Mertens-Wiesbrock zeigte, dass auch die Direktvermarktung der Bauern in Varensell funktioniert. Neben dem klassischen Hofladen bieten die Inhaber auch ein 'Gemüse-Abo' an. Eine Kiste voller Gemüse wird regelmäßig an Abonnenten geliefert. Ein begeisterter Kunde konnte der Bewertungsgruppe seine guten Erfahrung hautnah vor Ort schildern: Bürgermeister Andreas Sunder.

Jury-Vorsitzender Günter Heidemann war vor allem von einem Aspekt der Präsentation begeistert: "Selten wurde das 'Wir-Gefühl' einer Dorfgemeinschaft so eindrucksvoll präsentiert."



Herbert Ewers und Frank Schürmann
Herbert Ewers (l.) und Frank Schürmann zeigen, wie Bauernhöfe in Lintel energieautark werden. Mit Solarpaneelen auf dem Dach wird zum Beispiel der eigene Strom produziert


'Energieautarkes Lintel'

Daran arbeitet der Rheda-Wiedenbrücker Ortsteil seit Jahren. Ob Holzpelletheizung, Biogasanlage, Solarpaneele oder E-Bike-Ladestation. Die Linteler bewiesen eindrucksvoll wie vielfältig sie an Energieeinsparungen und CO2-Neutralität arbeiten. Auch im sozialen Bereich zeigte sich das Dorf von seiner vielseitigen Seite. 14 aktive Vereine bei 1.568 Einwohnern - von der 'Ecke Sagemüller' über die Feuerwehr bis hin zum Förderverein der Grundschule - für Junge und Alte ist gleichermaßen etwas dabei.

Nachhaltigkeit lernen auch schon kleine Linteler kennen: Seit Anfang dieses Jahres gibt es eine Imker-AG an der Postdamm-Schule. Für die Pflege des Bienenvolks, das Ernten und der Verkauf des Honigs sind allein die Grundschulkinder verantwortlich. Das Equipment für die AG beschaffte der Förderverein.



Die Kommission und die Dorfbwohner auf dem Rundgang durch St. Vit.
Die Kommission und die Dorfbwohner auf dem Rundgang durch St. Vit.


Nachhaltige Dorfentwicklung und Mitfahrerbank in St. Vit

Der erste Tag der Bereisung ging in St. Vit zu Ende. 2015 gründete einige St. Viter den Verein 'Dorf aktiv' mit dem Ziel nachhaltige Dorfentwicklung. Das größte Projekt wird die Renovierung des alten Küsterhauses. Dieses soll in ein Dorfgemeinschaftshaus umgebaut werden. Außerdem schwebt den Verantwortlichen ein kleines Apartment im Haus vor, welches an Radtouristen vermietet werden könnte.

Auch für typische Probleme des ländlichen Bereichs, die St. Vit ebenfalls hat, wurden interessante Lösungen gezeigt. Im vergangenen Jahr haben beide Bankfilialen im Ort geschlossen. Besonders für ältere Menschen ohne Auto wird es nun schwierig an Geld zu kommen. Eine findige Reaktion darauf : die Mitfahrerbank. Eine steht in St. Vit und eine in Wiedenbrück. Wer in die eine oder andere Richtung mitgenommen werden möchte, setzt sich und wartet. Dass das auch funktioniert, bestätigte eine Seniorin, die die Mitfahrgelegenheit nutzt. Eine weitere Mobilitätsidee wird aktuell unter den Dorfbewohnern abgefragt. Wenn es die Zustimmung gibt, wird über die Anschaffung eines Dorf-E-Autos nachgedacht.

Morgens um 10 Uhr gab es ein Schnäppschen und ein Spießchen von 'Lieschen' Berkemeier.
Morgens um 10 Uhr gab es ein Schnäppschen und ein Spießchen von 'Lieschen' Berkemeier (l.)


Schnäppschen und Käsespieße in Benteler

In Langenberg, der kleinsten Gemeinde des Kreises, startet die Kommission in den zweiten Tag ihrer Bereisung. Zum wiederholten Male nahm Benteler am Wettbewerb teil. Punkten kann der Ortsteil mit einer guten Nahversorgung. Supermarkt, Bäcker, Blumenladen, Bankfilialen, Gaststätten - in Benteler ist alles vorhanden. Bei Elisabeth und Hans Berkemeier von der Gaststätte Berkemeier bekam die Wettbewerbsjury eine kleine Kostprobe: Schnäppschen und Käsespieße morgens um 10 Uhr.

Eine abschließende Präsentation im liebevoll eingerichteten Heimathaus zeigte, wie sehr sich die Benteler um ihre Grünanlagen in den Außenbezirken kümmern. Ob Streuobstwiesen oder Bauerngärten - rund um Benteler ist es gepflegt.



Regen? Hermann (acht Jahre) war das auf dem neuen BMX-Parcours egal.
Regen? Hermann (acht Jahre) war das auf dem neuen BMX-Parcours egal.



Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung

In Stukenbrock-Senne zeigt sich für Jury und Dorfbewohner zuerst mal eines: Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung. Unter dem Motto 'Unser Dorf - unsere Kinder - unsere Zukunft' standen vor allem die Jüngsten im Mittelpunkt. Und die tobten über den Spielplatz der Ems-Erlebniswelt als ob es keine sintflutartigen Schauer gäbe. Besonders der neue BMX-Parcours begeisterte Kinder und Kommission gleichermaßen.

Das 'Sorgenkind' der Gemeinde ist der seit zwei Jahren leerstehende Forellkrug. Doch auch hier hat die Dorfgemeinschaft Ideen. Ein Mehrgenerationenhaus mit kleinem Bistro wäre schön. So bekäme Stuckenbrock-Senne neuen Wohnraum und Radtouristen, die an der Ems entlangradeln, hätten eine Einkehrmöglichkeit. Zusätzlich wäre ein kleines Dorfbüro oder eine Touristinfo denkbar. Zusammen mit dem jetzigen Eigentümer würden verschiedene Nutzungsmöglichkeiten geprüft.


Der enge Übergang zwischen Kirchplatz und Grundschule soll als nächstes in Angriff genommen und verschönert werden.
Der enge Übergang zwischen Kirchplatz und Grundschule soll als nächstes in Angriff genommen und verschönert werden.



Dorfentwicklung ist nicht nur etwas für alte Leute

Zuletzt präsentierte sich ein weiterer Stadtteil von Schloß Holte-Stukenbrock: Liemke. Schwerpunkt der Präsentation war die bauliche Gestaltung des Ortes. Zu Beginn des Rundganges zeigte Günter Kerstingtombroke der Jury die frisch renovierte Kirche im Dorf. Auch die offene Gestaltung des Grundschulhofes, der in einen öffentlichen Spielplatz übergeht, beeindruckte. Sicherlich einmalig beim diesjährigen Kreiswettbewerb ist die Neugestaltung der Wapelaue. Aus ehemals unansehnlichem Gestrüpp wurde ein biologisch vielfältiges Naherholungsgebiet für alle. Offene Übergänge verbinden den Spielplatz mit dem Bereich der Wapelaue. Ein Wassertrettbecken und ein geschwungener Spazierweg mit einigen Bänken laden zum Verweilen ein. Das Projekt ist gemeinschaftlich entstanden: Dorfgemeinschaft, Kreis Gütersloh, Bezirksregierung und Fördergelder der EU machten es möglich. Und es wird nachhaltig gepflegt: Eine neugegründete Umweltschutzgruppe sorgt dafür, dass in der Wapelaue nur heimische Pflanzen wachsen und eingewanderte Pflanzenarten ausgezupft werden.

Die Liemker zeigten in einer Abschlusspräsentation auch, dass Dorfentwicklung nicht nur etwas für alte Leute ist. Knapp die Hälfte der Dorfbewohner, die in den Dorfwerkstätten in der Vorbereitung mitgemacht haben, ist unter 20 Jahre alt

 

Der Gesamtsieger des Dorfwettbewerbs wird am 12. Oktober bekannt gegeben. Dieser vertritt dann 2018 den Kreis Gütersloh im Wettbewerb auf Landesebene. Neben dem Gesamtsieger werden auch Leistungen in Teilbereichen mit Sonderpreisen ausgezeichnet. Verlierer gibt es so oder so nicht: "Schon durch die Teilnahme am Wettbewerb hat unser Ort und unserer Gemeinschaft gewonnen", fasst Varensells Ortsvorsteher Manfred Habig stellvertretend die Meinung aller Wettbewerbsteilnehmer zusammen.

Zum Thema: Unser Dorf hat Zukunft

Der Wettbewerb auf Kreisebene 'Unser Dorf hat Zukunft' (früher 'Unser Dorf soll schöner werden') findet alle drei Jahre statt. Teilnehmen dürfen alle räumlich geschlossenen Ortschaften oder Gemeindeteile mit bis zu 3.000 Einwohnern und vorwiegend dörflichem Charakter.

Ziel ist es, die Menschen auf dem Land zu motivieren, die Zukunft ihrer Dörfer verantwortlich und nachhaltig mitzugestalten und weiterzuentwickeln. Die Dörfer werden angeregt, ihre kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen, baulichen und ökologischen Strukturen zu erhalten und diese im Sinne einer Zukunftssicherung weiterzuentwickeln. Das gemeinsame Handeln und das Miteinander sollen dabei im Vordergrund stehen.

Die Wertungskommission begutachtet innerhalb von 90 Minuten, was die Dörfer ihnen präsentieren. Günter Heidemann (Bezirksregierung Detmold) bewertet die Konzeption und ihre Umsetzung, Cornelia Langreck (Kreislandfrauenverband Gütersloh) soziales und kulturelles Leben sowie Albrecht Pförtner (pro Wirtschaft GT) wirtschaftliche Entwicklungen und Initiativen. Hartmut Lüdeling (ARGE Dorfentwicklungsplan GbR) begutachtete den Bereich Baugestaltung und Entwicklung am ersten Tag der Bereisung, während Nina Herrling (Baurätin Stadt Gütersloh) dieses am zweiten Tag tat. Die Bereiche Grüngestaltung und Entwicklung sowie Dorf in der Landschaft bewerteten Klaus Geppert (Flora Westfalica) und Wilhelm Gröver (Abteilung Umwelt, Kreis Gütersloh) zusammen. Die Landessieger werden 2019 auf Bundesebene gegeneinander antreten.