Von Fertighäusern, Pippi Langstrumpf, Körperpflege und Karneval

Gütersloh, 05.12.2016. Wie überstanden die Gütersloher den Hungerwinter 1946/1947? Wieso feierte der Harsewinkeler Bildhauer Peter Pöppelmann in Dresden seine größten künstlerischen Erfolge?

Vorstellung des Heimat-Jahrbuches
Stellten das Heimat-Jahrbuch 2017 vor (v. l.): Landrat Sven-Georg Adenauer, Eckhard Möller (Redaktionsmitglied), Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Doppheide, Friedrich Fischer (Redaktionsmitglied), Dr. Rolf Westheider (Redaktionsmitglied), Martin Maschke (Kreisheimatpfleger), Kreisarchivar Ralf Othengrafen und Daniel Bollweg (Flöttmann Verlag). Foto: Kreis Gütersloh.

Wie kann die spielerische Eingliederung von Flüchtlingen durch Theaterprojekte gelingen? Und warum stehen in Versmold Schwedenhäuser? Die Antworten hierzu und weitere spannende Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Kreises Gütersloh finden sich im aktuellen Heimat-Jahrbuch. Harsewinkels Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Doppheide, Landrat Sven-Georg Adenauer, der Föttmann-Verlag und das Redaktionsteam stellten die neueste Ausgabe jetzt im Rathaus Harsewinkel vor.

 

Zwei Beiträge führen in das Gütersloh der Nachkriegszeit. In einem geht es um die Not während des Hungerwinters 1946/47. Zwischen Anfang Dezember und Mitte März litten die Menschen unter einem eisigen Winter, einem der kältesten im 20. Jahrhundert. Temperaturen von minus 15 Grad in der Nacht und minus 10 Grad am Tag geben einen Eindruck von der Kältewelle. Die Verkehrswege waren wegen des Krieges oder des Wetters zum Teil nicht benutzbar, das sowieso schon knappe Heizmaterial und die raren Lebensmittel konnten nicht zuverlässig transportiert werden. Daher verlegten sich viele frierende Menschen auf den Kohlenklau als häufig einzigem Ausweg aus der bedrohlichen Lage. Reagierten die Behörden hierauf mit drakonischen Strafandrohungen, versuchten sie der Lebensmittelknappheit durch Rationierungen und Schulspeisungen Herr zu werden.

 

Doch der Mangel an Heizmaterial und an Lebensmitteln war nicht das einzige Problem, dem sich die Gütersloher konfrontiert sahen. Fast 13 Prozent der Wohnungen waren im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zerstört worden. Hinzu kamen Beschlagnahmungen durch die Besatzungstruppen. Gleichzeitig stieg die Bevölkerungszahl zwischen 1945 und 1960 um die Hälfte an, vor allem verursacht durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die Gütersloher Kommunalpolitiker und die Verwaltung waren in den Nachkriegsjahren daher bestrebt, ausreichend Wohnraum zu schaffen. Der Wohnungsbau wurde massiv durch öffentliches Engagement gefördert. Gütersloh entwickelte hier ein ganzes Instrumentenbündel aus Wohnungsbaudarlehen, einem eigenen städtischen Wohnungsbau und Steuererleichterungen. Dr. Michael Zirbel, Leiter des Fachbereiches Stadtplanung der Stadt Gütersloh, zeichnet diese frühe Erfolgsgeschichte der Nachkriegszeit nach.

 

Mit dem Schicksal von 'Displaced Persons' in der Nachkriegszeit befasst sich ein weiterer Beitrag. Als 'Displaced Persons' bezeichneten die Alliierten die ausländischen Zivilisten und jüdischen Häftlinge aus den Konzentrationslagern, die im nationalsozialistischen Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. Nach der Befreiung planten die Alliierten, diese Menschen an bestimmten Sammelstellen zusammenzufassen. Binnen kurzer Zeit sollten sie von dort in ihre Heimatländer zurückgeführt werden. Im damaligen Amt Verl wurde das Dorf Kaunitz zu einem solchen Lager, da in Ermangelung einer anderen Unterbringungsmöglichkeit eine große Zahl der dortigen Häuser und Wohnungen für die 'Displaced Persons' beschlagnahmt wurden. Das Lager in Kaunitz war nicht geplant. Es entstand, da hier am 1. April 1945 800 weibliche jüdische Häftlinge von amerikanischen Truppen befreit wurden, die sich auf dem Weg in das Konzentrationslager Auschwitz befanden. Ihrer Unterbringung und Versorgung, aber auch den Reaktionen der einheimischen Bevölkerung widmet sich die Verler Stadtarchivarin Annette Huss.

 

"Ist ein Leben ohne Dusche und ohne Toilette mit Wasserspülung möglich?" fragt Jahrbuch-Autorin Katja Kosubek von den 'Haller ZeitRäumen'. Was für heutige Generationen nahezu undenkbar ist, war früher Alltag. Am Beispiel Halles zeigt der Beitrag, was Körperpflege und Hygiene emotional und auch ganz praktisch bedeutete, als es noch nicht in jedem Haushalt fließendes Leitungswasser gab. Ein Badezimmer war in den Wohnungen in der Regel noch nicht vorgesehen. Gewaschen wurde sich in der Deele an der Wasserpumpe, am Spülstein in der Küche oder am Waschtisch im Schlafzimmer. Ein Plumsklo befand sich im Garten. Ab 1912 stand in der neuen Volksschule an der Bismarckstraße eine öffentliche Bade- und Duschanstalt zur Verfügung. Schülerinnen und Schüler der Volksschule waren verpflichtet, einmal wöchentlich ein Brausebad zu nehmen. Die übrige Haller Bevölkerung konnte zwischen Brause oder Wanne wählen - mittwochs Frauen und Mädchen, samstags Männer und Jungen. In den 1950er Jahren erhielt Halle dann auch eine Kanalisation, in den 1960er Jahren schließlich eine öffentliche Trinkwasserversorgung.

 

Mit einer der ersten Fertighaussiedlungen im Kreis befasst sich Marion Bulla. Fertighäuser waren vor 50 Jahren in der Region noch gänzlich unbekannt. Doch viele Menschen hegten den Traum vom schmucken Eigenheim mit Garten, aber auch vor einem halben Jahrhundert war Bauen eine kostspielige Angelegenheit. In Versmold entschieden sich daher einige Bauherren für Holzhäuser aus Schweden. Ein Grund für diese Wahl: Die Firma ließ den Bauherren einen großzügigen Spielraum für Eigenleistungen. Weil die Bauherren tagsüber ihrer regulären Arbeit nachgingen und nur abends oft bis tief in die Nacht an den Häusern arbeiten konnten, erhielt die Siedlung schnell den Namen 'Mondscheinsiedlung'. Die Entscheidung, ihr Haus aus Fertigelementen und in Holzbauweise zu errichten, hat noch keiner der Bewohner bereut. Vor allem der Zusammenhalt der elf Bauherren hat die Nachbarschaft zu einer ganz besonderen gemacht. Den 40. Geburtstag der Siedlung haben sie ebenso groß gefeiert wie den 50. im Jahr 2015. Mit ihrem Projekt waren die Bauherren Wegbereiter für viele andere Versmolder, die sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten ebenfalls für ein Fertighaus entschieden.

 

Mit dem aktuell so wichtigen Thema der Integration von Flüchtlingen befasst sich Rolf Birkholz. Das Theater Gütersloh und die Gütersloher Theaterbühne sowie das T.R.I.P. Theater in Kooperation mit dem Fachbereich Kultur und Sport der Stadt Gütersloh haben zwei Theaterprojekte initiiert. Sie sollten das Erlernen der deutschen Sprache unterstützen und die Integration fördern. Die Lust am Theaterspielen kam dabei natürlich auch nicht zu kurz. Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea, Ghana, Irak, Iran und Syrien nahmen an den beiden Theaterprojekten teil. Zwei Theaterstücke feierten schließlich Premiere. Das Stück 'Stranger(s) lovers - eine normale Liebe'  thematisierte die Schwierigkeiten der Liebe zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und wurde auf der 'langennachtderkunst' erstmals aufgeführt. Das auf der Studiobühne des Theaters Gütersloh gezeigte Stück 'Warten' orientierte sich an Samuel Becketts 'Warten auf Godot'. Auch Bühnenkunst wurde somit zu einem wichtigen Glied der Integration von Flüchtlingen.

 

Einer beeindruckenden Kunstsammlung unter freiem Himmel widmet sich Klaudia Genuit-Thiessen. Zwischen alten Bäumen und Grabsteinen hat die Kunst im Skulpturenpark auf dem Alten Friedhof in Halle einen Platz bekommen. Die Skulpturen haben vorwiegend Künstler aus der Region zu den Haller Bach-Tagen geschaffen. Mittelpunkt des Skulpturenparks ist das Türkreuz des Borgholzhausener Künstlers Johannes Schepp: 3.20 Meter hoch und zwei Meter breit ist es eine imposante Erscheinung, eine Stahlplastik, die wie eine Tür zum Durchgehen geöffnet ist. Dabei handelt es sich auch um ein religiöses Motiv, denn die Tür lädt zum Weitergehen auf dem einmal eingeschlagenen Weg ein - auch in eine Zukunft, die den Christen nach dem Tod offensteht.

 

Vor 150 Jahren wurde mit Peter Pöppelmann einer der bedeutendsten Söhne Harsewinkels geboren. Stadtarchivar Eckhard Möller hat sich in langjährigen Studien mit dem Bildhauer befasst und legt nun die ersten Ergebnisse seiner Recherchen vor. Peter Pöppelmann absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Tischler, ehe er eine künstlerische Laufbahn einschlug. Er zog 1890 in die Kunststadt Dresden und machte hier schnell Karriere. Einem ersten Auftrag in der Petrikirche in Freiberg folgten größere in Dresden, insbesondere für die Kreuzkirche und die Christuskirche sowie für das Rathaus. Höhepunkt seines künstlerischen Wirkens waren die Ernennung zum Mitglied der Dresdener Akademie der Künste und die Verleihung des Professorentitels. Nach dem Ersten Weltkrieg scheint Pöppelmanns Erfolgsspur jedoch gerissen zu sein. Moderne Baustile ohne Bauplastiken und ein deutlicher Rückgang öffentlicher Bauaufträge führten zu wirtschaftlichen Problemen des Bildhauers. Peter Pöppelmann starb am 6. November 1947 an Altersschwäche und an den Folgen einer Lungenentzündung.

 

In eine schöne Borgholzhausener Tradition führt Johannes Gerhards ein. Neben den Kiepenkerlen gehört das Piumer Trachtenpaar zu den Personen, die Geschichte und Tradition lebendig halten und sich bei festlichen öffentlichen Anlässen rund um Borgholzhausen regelmäßig in der Öffentlichkeit präsentieren. Seit dem Köhlerfest 1998 verkörperten Christa und Kurt Lückebergfeld das Trachtenpaar. Zum Kartoffelmarkt im September 2015 hatten sie nach 17 Jahren ihren Abschied aus dem ehrenvollen Amt angekündigt. Hinter den Kulissen suchten Mitarbeiter des Verkehrsvereins intensiv nach geeigneten Nachfolgern. Unterstützung kam vom jüngst ins Amt gewählten neuen Bürgermeister Dirk Speckmann. Mit seiner Hilfe ging dann alles unerwartet schnell. Bereits zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes am zweiten Adventswochenende wurde das neue Trachtenpaar Annette und Reinhard Kleimann feierlich ins Amt eingeführt und der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Von einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte mit Pippi Langstrumpf weiß Annemarie Bluhm-Weinhold zu berichten. Schließlich kommen nicht nur Pippi Langstrumpf, sondern auch 'das Sams' und Cornelia Funkes 'Tintenherz' aus Steinhagen. Sie alle - und nicht nur sie - haben in der Verlagsauslieferung Runge ihre Heimat und schwärmen von der Gemeinde Steinhagen aus in die Buchhandlungen in ganz Deutschland. Etwa 30 Millionen Bücher sind im Bestand, 100.000 Exemplare verlassen täglich die Lagerhallen! 1989 zog die Firma von Bielefeld nach Steinhagen. Denn in Bielefeld war es am Stammsitz an der Stadtheider Straße längst zu eng geworden. Expansionsmöglichkeiten boten sich dort nicht - wohl aber in der Nachbargemeinde. 1996/97 wurden das Hochregallager und das Verwaltungsgebäude gebaut, das 1999 sogar eine dritte Etage erhielt. Weitere Anbauten folgten, die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte konnte sich fortsetzen.

 

Von einer anderen Erfolgsgeschichte erzählt die Autorin Christine Longère. 1865 schlossen sich in der Gastwirtschaft 'In der Rose' in Werther 16 Männer zu einer 'Sangesbruderschaft' zusammen. Es war die Geburtsstunde des Gesangvereins 'Liedertafel'. 14 Jahre nach der Gründung war die Mitgliederzahl der 'Liedertafel' Werther auf 41 angestiegen, man zog in die Wertheraner Schule um und gab sich eine Satzung. Das 150-jährige Bestehen der 'Liedertafel' Werther nahm Volker Schrewe, Dirigent und Vorsitzender des Gesangvereins, zum Anlass für Nachforschungen. Er stöberte auf dem Dachboden, sichtete alte Bücher, Protokolle und Bilder. Was er herausfand, wirft Schlaglichter auf die Vereinsgeschichte. In den mehr als 150 Jahren seines Bestehens hat sich der Gesangverein zu einem festen Bestandteil des Kulturlebens in Werther entwickelt. Er zählt heute 250 Mitglieder, darunter 35 aktive Sänger.

 

Jürgen Sudhölter begrüßt in seinem Beitrag eine Belebung der Städtepartnerschaft zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oldenzaal durch das Boulespiel. Die niederländische Stadt Oldenzaal ist seit 1976 partnerschaftlich mit Rheda-Wiedenbrück verbunden. Viele Aktivitäten wurden entwickelt und vielerlei Verbindungen wurden in den vier Jahrzehnten geknüpft. Die Freunde des Boulespiels sind dafür ein gutes Beispiel. Seit 1986 gibt es schon den Verein 'Oldenzaals Jeu-de-Boule Vereniging'. Im Jahre 2003 zogen die Rheda-Wiedenbrücker nach und gründeten ebenfalls einen Bouleverein. Sie fanden einen geeigneten Platz zur Ausübung ihrer sportlichen Aktivitäten an der Hoppenstraße im Stadtteil Rheda. Schon sehr bald nach Vereinsgründung nahmen die Boulefreunde aus der Emsstadt Verbindung zu dem Verein in der niederländischen Partnerstadt auf. Dadurch pflegte man einerseits die partnerschaftlichen Beziehungen und hatte andererseits Sportler, mit denen man sich messen konnte. 2004 fand das erste deutsch-niederländische Turnier, im Jahr 2016 immerhin schon die 12. Ausgabe statt.

 

Mit zehntausenden Narren gilt Rietberg als Karnevalshochburg und als ostwestfälisches Gegenstück zu Köln und Düsseldorf. Fünf Tage lang ziehen die Karnevalisten durch den Stadtkern, sorgen mit Umzügen für ausgelassene Stimmung, rufen den Rietberger Karnevalsgruß 'Ten Dondria Helau' und feiern in den Festzelten. Aber die tollen Tage sind nicht nur Spaß, Verkleiden und Feiern. Hinter der fünften Jahreszeit stehen auch jede Menge Organisation, Kosten und Sicherheitsvorkehrungen. Die sieht allerdings kaum jemand - ein Zeichen dafür, dass alles reibungslos funktioniert. Ein gesetzlich vorgeschriebenes Sicherheitskonzept soll in Rietberg für den Schutz aller beteiligten Personen sorgen. Wann zieht der Zug durch welche Straßen? Wie viele Ordner stehen an welchen Kreuzungen? Wie werden die Festzelte abgesichert? Diese und viele weitere Fragen klärt das Sicherheitskonzept, welches von der städtischen Abteilung Sicherheit, Ordnung und Straßenverkehr in Zusammenarbeit mit der Karnevalsgesellschaft, der Kreispolizei, dem Bürgermeister und vielen weiteren Abteilungen festgelegt wird. Das Sicherheitskonzept regelt auch, wie im Katastrophenfall die vielen Besucher aus der engen Stadt geleitet werden können und wie der Zug aufgelöst werden kann, ohne die Fluchtwege zusätzlich zu beengen. 2012 kam der Leitfaden erstmals zur Anwendung und wurde seither stetig weiterentwickelt.

 

Das seit 1982 erscheinende 'Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh' liegt jetzt in einer neuen Ausgabe vor. Es präsentiert sich mit dem bewährten Mix aus Geschichte, Wirtschaft, Natur, Freizeit, Bildung, Kirche und Kultur. Es wird vom Kreis Gütersloh herausgegeben und erscheint mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren im Flöttmann Verlag Gütersloh. Die redaktionelle Leitung hat Kreisarchivar Ralf Othengrafen. Der farbige, reich bebilderte Jahresband enthält auf 192 Seiten 28 Einzelbeiträge. Im örtlichen Buchhandel oder über den Flöttmann Verlag Gütersloh kann das Buch zum Preis von 12 Euro erworben werden. Auf den Internetseiten des Kreisarchivs (www.kreis-guetersloh.de/sh/Kreisarchiv) finden Interessierte einen Index mit den bisher erschienenen Themen.