Jobcenter startet Modellprojekt zur beruflichen Eingliederung von Zuwanderern

Gütersloh, 30.09.2016. Das Jobcenter wechselt die Perspektive: Was wünschen sich die Betriebe? Welche Erwartungen haben sie in Bezug auf die Zuwanderer, die es gilt in den Arbeitsmarkt zu integrieren? Zwei neu eingestellte Unternehmens-Scouts, die aus der Wirtschaft stammen, gehen in die Betriebe und suchen Antworten auf diese Fragen.

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Die Unternehmens-Scouts Klaus-Michael Schunk (l.) und Ulrich Friemann mit der Integrationsfachkraft Claudia Leewe und ihrem Chef Rolf Erdsiek (r.). Foto: Kreis Gütersloh

"Das innovative ist, dass wir betriebsnah qualifizieren, passgenau zum Beispiel auf den einen Arbeitsplatz, für die Bedienung einer bestimmte Maschine", erläutert Rolf Erdsiek das Konzept. Unternehmen und Kandidaten werden dabei umfangreich unterstützt, finanziell und personell: Erdsiek, Abteilungsleiter Arbeit und Ausbildung, hat dafür drei neue Mitarbeiter. Denn zu den beiden Scouts hat sich noch eine Integrationsfachkraft gesellt.Die Unternehmens-Scouts Klaus Michael Schunk und Ulrich Friemann können für sich reklamieren, sich in der Wirtschaft auszukennen: Friemann ist von Haus aus Diplom-Holzwirt und hat über viele Jahre in leitenden Funktionen bei mittelständischen Türenherstellern gearbeitet.

Volkswirt Klaus-Michael Schunk war 20 Jahre Personalleiter bei einem großen deutschen Handelskonzern. Integrations-Coach Claudia Leewe, die noch Verstärkung durch eine weitere Integrationsfachkraft erhalten soll, ist zertifizierte Goethe-Dozentin. Das Goethe-Institut hat die Sprachkurse für die Zuwanderer konzipiert. Zuletzt war sie für das Goethe-Institut in Mexiko und hat Deutsch unterrichtet, bei einem Handelskonzern war sie sowohl Personalleiterin als auch Integrationsbeauftragte. "Ich mache jetzt beim Jobcenter genau das gleiche, nur von der anderen Seite aus." Sie soll die Kandidaten begleiten, sie unterstützen - so, dass diese auch am Ball bleiben. Sprachprobleme, kulturelle Eigenheiten - ihr Betätigungsfeld ist weit.

"Jetzt suchen wir Betriebe, die mit uns starten", erklärt Erdsiek. Das Modellprojekt zur beruflichen Integration von Zuwanderern richtet sich ausdrücklich an alle Neuzuwanderer, egal aus welcher Nation. Es wird von den Kammern und Unternehmensverbänden der Region unterstützt. Finanziell wird es aus dem europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Das Land Nordrhein-Westfalen wählte für dieses Modellprojekt den Kreis Gütersloh aufgrund seiner guten Rahmenbedingungen exklusiv aus, nur für das Jobcenter des Kreises Gütersloh gab es den Zuschlag. Auch die breite Unterstützung durch die Kammern und Wirtschaft spielte bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Wie überall in Deutschland hat auch im Kreis Gütersloh die Zuwanderung von Flüchtlingen aus den Kriegs- und Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens und von Arbeitsmigranten aus Ländern der EU stark zugenommen. Nach Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft erhalten die geflüchteten Menschen weit überwiegend Leistungen von den Jobcentern. Im Kreis Gütersloh befinden sich bereits 1.500 erwerbsfähige Flüchtlinge im Alter von 15 bis 65 Jahren vor allem aus Syrien, dem Iran und Afghanistan im Leistungsbezug des Jobcenters. Arbeitsmigranten aus Polen, Rumänien und Bulgarien konnten zwar meist eine Arbeit aufnehmen. Dennoch erhalten inzwischen rund 750 erwerbsfähige Personen aus diesen Ländern Geldleistungen vom Jobcenter, weil das Gehalt für den Lebensunterhalt allein nicht ausreicht oder weil sie inzwischen ihre Arbeit verloren haben. "Der Zeitpunkt zu starten ist ideal, weil jetzt die ersten der Zugewanderten aus den Krisengebieten ihre Sprachkurse abschließen", erklärt Erdsiek.

Für alle Zuwanderer gilt, dass sie meist sehr motiviert sind, eine Arbeit aufzunehmen. Zudem sind sie im Durchschnitt deutlich jünger als die heimische Bevölkerung. Allerdings verfügt insbesondere bei den Flüchtlingen nur ein kleiner Teil über berufliche Qualifikationen, die für den deutschen Arbeitsmarkt verwertbar sind. Nach der grundlegenden Sprachförderung gilt es nun, den Neuzuwanderern berufliche Kenntnisse zu vermitteln, die von den heimischen Betrieben und Unternehmen gebraucht werden. Dabei können nicht für alle Neuzuwanderer jahrelange Berufsausbildungen organisiert und finanziert werden. Genau hier setzt das Modellprojekt des Jobcenters an: Im persönlichen Kontakt mit den heimischen Unternehmen sollen adäquate Stellen für Zuwanderer identifiziert und geschaffen werden. Qualifikationen, die für die Bekleidung dieser Stellen notwendig und sinnvoll sind, sollen in enger Zusammenarbeit mit den Unternehmen möglichst betriebsnah vermittelt werden.

Dabei unterstützt das Jobcenter durch Praktika von bis zu zwölf Wochen, durch Einstiegsqualifizierungen im Vorfeld einer Ausbildung, durch Lohnkostenzuschüsse und auch durch Geldleistungen für die betrieblichen Anpassungsqualifizierungen. "Für einen kleinen Dachdecker-Betrieb kann es der entscheidende Punkt sein, dass wir finanziell unterstützen und zum Beispiel auch die Sicherheitskleidung und -schuhe bezahlen." Erworbene Kenntnisse sollen von den Unternehmen testiert werden.

Interessierte Arbeitgeber können sich direkt an die beiden Unternehmensscouts des Jobcenters wenden: Ulrich Friemann (05241/85-4294 oder geschützte E-Mail-Adresse als Grafik) und Klaus-Michael Schunk (05241/85-4295 oder geschützte E-Mail-Adresse als Grafik).