Lieber Radeln statt von Mama und Papa gefahren werden

Gütersloh, 22.05.2017. Zum zweiten Mal schulte der Kölner Sportwissenschaftler Dr. Achim Schmidt Grundschullehrerinnen und -lehrer aus dem Kreis Gütersloh. An der Grundschule Pavenstädt in Gütersloh bot der Kreis in Kooperation mit dem Zukunftsnetz Mobilität NRW eine Fortbildung zum Thema ‚Radfahren in der Grundschule‘ an.

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Die 3a der Grundschule Pavenstädt hatte großen Spaß an den Übungen. Im Hintergrund beobachteten die Teilnehmer der Fortbildung die Probeun-terrichtseinheit von Dr. Achim Schmidt. Foto: Kreis Gütersloh

"Bei dieser Fortbildung geht es nicht darum, dass die Kinder die Verkehrsregeln lernen. Mithilfe dieser Übungen sollen sie ein Gefühl für ihr Fahrrad entwickeln", erklärte Schmidt das Konzept. Das sei wichtig, damit die Schülerinnen und Schüler sich beim Radfahren auf den Verkehr und die anderen Verkehrsteilnehmer konzentrieren können und nicht vollauf damit beschäftigt sind, ihr Rad unter Kontrolle zu halten und im Sattel zu bleiben. Deswegen eignet sich dieses Training auch schon für Grundschüler ab der ersten Klasse. "Je früher die Kinder damit anfangen, desto eher sind sie sicherere Teilnehmer im Straßenverkehr", so Schmidt. Damit unterscheiden sich die Übungen auch von den Radfahrtrainings zur Vorbereitung auf die Radfahrprüfung. "Bei diesen Übungen fahren die Kinder fast immer alle gleichzeitig. Damit entfällt das Warten bis man an der Reihe ist und es wird die räumliche Orientierung sowie die gegenseitige Rücksichtnahme geschult", ergänzte Klimaschutzmanagerin Kim Nadine Ortmeier (Kreis Gütersloh), die die Fortbildung mit organisierte.

Neun Lehrerinnen und ein Lehrer eigneten sich zwischen 9 und 15.30 Uhr theoretische Inhalte zu Vorschriften, Hintergründen oder Technik an und erprobten die Theorie im Anschluss bei praktischen Übungen. Für den Praxisteil holte sich Schmidt die 3a der Grundschule Pavenstädt zu Hilfe. Gemeinsam mit den Kindern führte er den Lehrern vor, wie sich die Fahrradübungen in die Praxis umsetzen lassen. Und ganz nebenbei zeigte sich auch, mit welch großer Freude die Drittklässler Fahrradfahren. Anschließend mussten auch die Lehrer aufs Rad, um auch selbst zu erfahren, wie sich die Übungen für die Kinder anfühlen.

Das Konzept der Fortbildung wurde 2014 vom Zukunftsnetz Mobilität NRW in Zusammenarbeit mit der Sporthochschule Köln entwickelt und soll das selbstständige und sichere Unterwegssein von Kindern fördern. Dazu wird der natürliche Bewegungsdrang der Kinder genutzt. Die meisten Kinder haben Spaß an Bewegung und fahren gerne mit dem Rad. Das Konzept überzeugte dieses Jahr auch die Jury des Deutschen Fahrradpreises: Dort gewann 'Radfahren in der Grundschule' den zweiten Platz in der Kategorie 'Service'.

Das Konzept 'Radfahren in der Grundschule' besteht aus einer Online-Plattform und einer praxisorientierten Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer. Ziel ist es, durch Spiele und Aufgaben die Radfertigkeiten und die Sicherheit im Straßenverkehr der Kinder zu verbessern. Auf der Online-Plattform und während der Fortbildung erhalten die Lehrer das kindgerechte methodische und praktische Rüstzeug, ihre Schüler im Rahmen des Sachunterrichts noch besser zu fördern. Vor allem während des eintägigen Seminars liegt der Schwerpunkt auf dem eigenen 'erfahren' der Übungen. Die Lehrer probieren bewusst die Übungen aus, die sie dann im Unterricht mit ihren Schülern üben.


Zum Thema: Kinder und Radfahren

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Trainer, Organisatorin und Teilnehmer der Radfahrfortbildung im Kreis Gü-tersloh (v. l.): Frauke Krüger-Rogge (Kardinal-von-Galen-Schule), Fabian Weskamp (Edith-Stein-Schule), Bettina Tölke (Grundschule Pavenstädt), Monika Tewes (GSV Grauthoff-Elbracht), Claudia Reploh (Johannisschule), Dr. Achim Schmidt (Sporthochschule Köln), Birgit Hollensett (Grundschule Pavenstädt), Kim Nadine Ortmeier (Kreis Gütersloh), Rita Eiling (Kardinal-von-Galen-Schule), Simone Laumann (GSV Langenberg) und Carolin Grunwald (GSV Langenberg). Foto: Kreis Gütersloh

Fahrradfahren macht Schülern vor allem im Grundschulalter viel Spaß. Dennoch wird das Rad immer weniger genutzt. Statt selbst zur Schule zu Radeln, werden die Kleinen zunehmend von den Eltern mit dem Auto gebracht. Laut einer Forsa-Umfrage gingen oder radelten 1970 noch 91 Prozent aller Schüler alleine zur Schule. Bis zum Jahr 2012 sank diese Zahl auf 50 Prozent und die Tendenz ist weiter fallend. Das 'Elterntaxi' ist damit von der Ausnahme zur Regel geworden. Das führt zu Bewegungs- und Orientierungsmangel bei den Kindern, weniger Sozialkontakten auf dem Schulweg und belastet die Umwelt unnötig. Außerdem kommt es vermehrt zu chaotischen Verkehrssituationen vor den Schulen, wenn dutzende 'Elterntaxis' gleichzeitig ihre Kinder direkt vor dem Schultor abliefern.

Deswegen möchten der Kreis Gütersloh und das Zukunftsnetz Mobilität NRW das Radfahren bei Kindern fördern und die Radfahrausbildung, die seit 2008 fest in den Lehrplänen für den Sachunterricht verankert ist, unterstützen. Denn Übung macht den Meister. Das Verhalten im Straßenverkehr und auch der Schulweg muss mit Kindern geübt werden, damit sie sich sicher in ihrer Umgebung bewegen und auch später als Erwachsene keine Scheu haben als Fußgänger oder Radfahrer unterwegs zu sein.