Jobcenter: "Wir 'backen' Fachkräfte"

von Anna Haftmann

Gütersloh/Halle (Westf.), 03.04.2018. „Im Kreis Gütersloh sieht es mit der Beschäftigungsquote sehr gut aus“, betont Jürgen Blomeier, Sachgebietsleiter Arbeit Nord des Jobcenters Kreis Gütersloh. Aber nicht alle profitieren von der guten konjunkturellen Entwicklung.

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Umschüler Georg Schütt, Jürgen Blomeier vom Jobcenters Kreis Gütersloh, Timo Horstmann von der Deutschen Angestellten-Akademie Gütersloh und Christian Wiedemann, Ladeninhaber von Fahrrad Peitz (v. l.) im Verkaufsraum des Fahrradgeschäfts. Foto: Kreis Gütersloh

Wer ohne Berufsausbildung ist oder die falsche hat, dem fällt es trotzdem schwer, sich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen. Doch welche Möglichkeiten haben Erwachsene, die aus bestimmten Gründen oder Umständen bisher keinen Berufsabschluss erworben haben und diesen nachholen möchten?

 

Das Jobcenter des Kreises Gütersloh bietet in Kooperation mit der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA) bereits seit fünf Jahren betriebliche Umschulungen an. "Die Begrifflichkeit ist eventuell etwas irreführend. Eine Umschulung führt zu einem Berufsabschluss und meint nicht Maßnahmen, mit denen innerhalb von drei Tagen ein Gabelstaplerführerschein gemacht werden kann", erklärt Blomeier. Diese Umschulung ermöglicht Menschen, den Berufsabschluss im Erwachsenenalter nachzuholen und damit hervorragende Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Auch Menschen, die in ihrem alten Beruf nicht mehr glücklich und  schon über vier Jahre nicht mehr in diesem tätig waren, können dieses Angebot nutzen, um etwas anderes zu erlernen. Eine Altersgrenze gibt es für die Umschulungsmaßnahme nicht. Allerdings wird die Vermittlung an Unternehmen und Betriebe mit zunehmendem Alter schwieriger, ist aber nicht unmöglich. Was vor fünf Jahren in vielen Jobcentern als Projekt begann, ist heute vom Gesetzgeber vorgeschrieben.

Bewerber, die sich für eine Umschulung interessieren, müssen vor allem eines mitbringen: Motivation. Bei Interesse werden sie zunächst von ihren Arbeitsberatern ausführlich beraten und dann zur DAA übermittelt. Dort erwarten sie ein umfangreiches Infogespräch, um sich gegenseitig kennenzulernen, ein spezifisches Coaching und ein Vorbereitungslehrgang. Die Dauer dieses Lehrgangs beträgt in der Regel drei Monate. Im Anschluss wird ein individueller Qualifizierungsplan abgestimmt und die Bewerber werden bei der Suche nach einem Umschulungsplatz tatkräftig unterstützt. "Die Motivation der Bewerber ist das Wichtigste", betont auch Timo Horstmann von der DAA Gütersloh, "für alles andere finden wir gemeinsam einen Weg."

Sobald ein Platz gefunden wurde, findet die Umschulung, ähnlich wie eine Ausbildung, in der Berufsschule und im Unternehmen beziehungsweise im Betrieb statt. "Ich nenne die Maßnahme deshalb lieber duale und nicht betriebliche Umschulung", erklärt Blomeier. Der einzige Unterschied zur üblichen Ausbildung ist die Dauer. Während eine Ausbildung in der Regel drei bis dreieinhalb Jahre umfasst, müssen die Teilnehmer die Umschulung innerhalb von zwei bis zweieinhalb Jahren absolvieren. Damit durch diese Verkürzung kein Nachteil entsteht, durchlaufen die Teilnehmer im Vorfeld die bereits genannten Vorbereitungslehrgänge, von denen jedes Jahr zwei durchgeführt werden. Aktuell nehmen im Kreis Gütersloh 34 Teilnehmer dieses Angebot wahr. Blomeier betont: "Umschüler nehmen keinem Azubi die Ausbildungsstelle oder den Berufsschulplatz weg." Die finanziellen Leistungen des Jobcenters laufen während der gesamten Maßnahme weiter. Außerdem erhalten die Teilnehmer  in der Regel eine Vergütung von den Unternehmen und Betrieben. Das Jobcenter erstattet zusätzlich alle anfallenden Kosten, wie beispielsweise Fahrtkosten und die Gebühr für einen Kettensägenführerschein. Die Arbeitgeber werden im Laufe der Umschulung also zusätzlich nicht finanziell belastet. "Für uns ist die Umschulungsmaßnahme eine Investition, da wir die Kunden in der Regel nicht wiedersehen. Ein Berufsabschluss verhindert Arbeitslosigkeit", fasst Blomeier zusammen.

Diejenigen, die Schwierigkeiten bei dem Unterricht in der Berufsschule haben, können zusätzlich einen Stützunterricht besuchen und sozialpädagogische Hilfe in Anspruch nehmen. Die Umschüler werden bis zu den Abschlussprüfungen vom Jobcenter und der DAA begleitet. Ab Mitte 2016 gewährt der Bund den Umschülern sogar Prämien, sobald die Zwischen- und Abschlussprüfungen bestanden wurden.

Die Vielfalt der Berufe, die Umschüler erlernen wollen, wird immer größer. Von Büroarbeit bis Handwerk ist alles dabei. Georg Schütt beispielsweise macht seit dem 1. September vergangenen Jahres eine Umschulung zum Zweirad-Mechatroniker in der Fachrichtung Fahrrad bei Fahrrad Peitz in Gütersloh. Über einen gemeinsamen Bekannten wurde der Betrieb auf den 26-Jährigen aufmerksam und bekam nach einer einwöchigen Probearbeit die Zusage für einen Umschulungsplatz. Den theoretischen Unterricht absolviert er in der Carl-Severing-Berufsschule in Bielefeld. "Ich finde es super hier, die Arbeit macht mir großen Spaß", sagt Schütt. Und auch Ladeninhaber Christian Wiedemann ist begeistert: "Wir kommen gut klar. Wenn er so weiter macht, werde ich ihn übernehmen."

Das Umschulungsangebot wird aber nicht nur von den Bewerbern gut angenommen, auch Unternehmen und Betriebe kommen auf das Jobcenter und die DAA zu, da diese händeringend Fachkräfte suchen. Die Übernahmequote ist dementsprechend hoch, aktuell beträgt sie rund 95 Prozent. Blomeier: "Wir haben zwar keine Fachkräfte, aber wir 'backen' den Arbeitgebern welche. Wir wollen den Betrieben zeigen, bei uns tut sich etwas." Doch einige Arbeitgeber wissen gar nicht, dass sie, sobald sie ausbilden dürfen, auch Umschulen anbieten können. "Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft eine noch größere Vielfalt an Berufen vorweisen können. Anlagenmechaniker, Gebäudereiniger und Bäcker fände ich klasse", sagt Blomeier.

Alleinerziehende haben die Möglichkeit, die Umschulung mit nur 30 Arbeitsstunden pro Woche zu absolvieren. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Handwerkskammer (HWK) sprechen dann trotzdem noch von einer Vollzeitbeschäftigung. Auch für Zuwanderer besteht generell die Möglichkeit zur Teilnahme, allerdings müssen sie bestimmte Voraussetzungen, wie zum Beispiel eine ausreichende Sprachkenntnis, erfüllen.