Partnerschaft zwischen den Kreisen Gütersloh und Valmiera/Lettland seit 1994: Helfen, wo Hilfe gewünscht wird

Wie häufig Sven-Georg Adenauer schon in Lettland war? Der Landrat des Kreises Gütersloh hat nicht mitgezählt, aber über 20 Mal hat er die Euros im Portemonnaie gegen Lats getauscht.
Adenauer und Liepa mit gespendetem NotarztfahrzeugGroßbildansicht
Landrat Sven-Georg Adenauer übergab 2009 einen Audi A6, ein ausgemustertes Notarztfahrzeug des Kreises Gütersloh, an die Leiterin des Krankenhauses in Valmiera, Dr. Inguna Liepa. Fotos: J. Focken

Fast immer dabei: Ein Schlüsselbund, mal mehrere: Von Löschfahrzeugen, Drehleitern, Rettungswagen, Notarztautos - allein rund 40 Einsatzfahrzeuge aus dem Kreis Gütersloh starteten seit Beginn der Partnerschaft 1994 im Kreis Valmiera/Lettland ihre zweite Einsatzkarriere.

Allein die Stadt Rheda-Wiedenbrück, Heimatstadt des Landrats, spendete neun ausgemusterte Fahrzeuge. Ende Juni 2010 war Adenauer mit einer großen Delegation in Lettland. Während einer Feierstunde unterzeichneten der Landrat des Kreises Gütersloh und Vitauts Stana, ehemaliger Landrat des Kreises Valmiera, in Koceni/Lettland die Partnerschaftsurkunde zwischen dem Kreis Gütersloh und dem Partnerschaftsverein der Region Valmiera. Damit wurde die Freundschaft, die Adenauer als "gelebtes Europa" bezeichnet, zum zweiten Mal nach 1994 unterschrieben - diesmal ein rein formaler Akt, da sich im Zuge der Kommunalreform der Kreis Valmiera aufgelöst hatte. Freundschaftliche Beziehungen bestehen bereits seit 1992. Kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs und lange bevor eine EU-Mitgliedschaft in Sicht war, machte sich der Kreis Gütersloh auf nach Lettland. Aus der Partnerschaft, die im deutsch-lettischen Verhältnis einmalig ist, ist eine Freundschaft geworden.

Die Unterschiede waren und sind gewaltig: Auf der einen Seite der Kreis Gütersloh, einer der wirtschaftsstärksten Kreise in NRW. Auf der anderen Seite der ehemalige Kreis Valmiera, dessen Aufgaben seit der Kommunalreform im Jahr 2009 auf sechs Großgemeinden und die Stadt Valmiera übergegangen sind. In der Stadt Valmiera leben fast die Hälfte der nicht mal 60.000 Einwohner des ehemaligen Kreises Valmiera. Mit 2.373 Quadratkilometern ist die Region mehr als doppelt so groß wie der Kreis Gütersloh. Mit rund 356.000 Einwohnern leben im Kreis Gütersloh jedoch fast sechs Mal so viele Menschen. Neu gebildet wurden im Jahr 2009 die sechs Großgemeinden Koceni, Naukseni, Mazsalaca, Burtnieki, Beverina und Rujiena.


Adenauer und Stana bei der Unterzeichnung der neuen PartnerschaftsurkundeGroßbildansicht
Landrat Sven-Georg Adenauer (Mitte rechts) und der Bürgermeister von Koceni und ehemaliger Landrat des Kreises Valmiera, Vitauts Stana, unterzeichneten 2010 als erste die neue Partnerschaftsurkunde.

Der Kreis Gütersloh als der finanziell stärkere Partner innerhalb der Partnerschaft sah seine Aufgabe zunächst darin, dem Kreis Valmiera überall dort Hilfestellung zu geben, wo diese erforderlich und vor allem auch gewünscht war. Wirtschaftliche und humanitäre Hilfe stand gerade zu Beginn im Mittelpunkt. Und eigentlich war man davon ausgegangen, diese Art der Hilfe in Form von Spenden, Sachgütern etc. längst einstellen zu können. Doch die globale Wirtschaftskrise hat Lettland so schwer getroffen, wie kaum ein anderes europäisches Land. Die Hilfe erstreckt sich vor allem auf das Sozial-, Gesundheits-, und Bildungswesen, Feuerwehr, Rettungsdienst, Umwelt (vor allem Abfallwirtschaft, Wasserver- und -entsorgung) sowie die Wirtschaft. Aber die Partnerschaft war nie eine Einbahnstraße: Vor allem im kulturellen Bereich profitiert der Kreis Gütersloh, denn der hat in Lettland einen ganz anderen Stellenwert als hierzulande.

Nachdem die deutsch-deutsche Hilfe für den ehemaligen Kreis Hoyerswerda nach der Wende praktisch ausgelaufen war, wandte sich im Kreis Gütersloh der Blick der Verantwortlichen weiter ostwärts. Der damalige Bundestagsabgeordnete Hubert Doppmeier, der amtierende Oberkreisdirektor Günter Koszlowski und Landrat Franz-Josef Balke suchten einen osteuropäischen Partnerkreis. Lettlandkenner Detlef Henning, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter und stellvertretender Geschäftsführer am Institut für Deutschland- und Osteuropaforschung des Göttinger Arbeitskreises, machte zwei Vorschläge: die lettischen Kreise Cesis und Valmiera. Nach einem Vergleich unter anderem der Wirtschaftsstruktur (Valmiera: Molkerei, Möbelindustrie, Fleischwaren, Feuerlöscher - viele kleine und mittelständische Betriebe) fiel die Entscheidung, auf die Letten in Valmiera zuzugehen. Das war im Winter 1991/92, im Frühjahr 1992 stand die erste lettische Delegation vor der Tür. Die Freundschaft startete nicht mal ein Jahr nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion, entsprechend groß war der Nachholbedarf auf lettischer Seite.


Landrat Sven-Georg Adenauer lobte bei seinem Grußwort die Verdienste von Dr. Edgar Grandans, Leiter des Krankenhauses in Mazsalaca (l.). Dr. Silvana Kreyer, Kulturbeauftragte der Partnerschaft, übersetzte.Großbildansicht
Das Krankenhaus in Mazsalaca feierte zusammen mit einer Delegation aus dem Kreis Gütersloh im Juli 2010 sein zehnjähriges Bestehen.

Mit Hilfe aus dem Kreis Gütersloh sind in Valmiera viele Einrichtungen entstanden, die eine Vorbildfunktion für das ganze Land haben. Erstes Großprojekt war 1993 die Hörgeschädigtenschule Valmiera: Jeder Schüler erhielt mit Unterstützung des Rheda-Wiedenbrücker Unternehmers Franz-Josef Krane ein eigenes Hörgerät. Ein Sprachlabor wurde eingerichtet und Techniker in Deutschland ausgebildet. Zuerst stand jedoch mitunter eine Schocktherapie an: Das Altenheim Valmiera war so ein Fall: 1902 erbaut, seit 1949 nahezu unverändert. Zwei Badezimmer für 100 Bewohner, die teils zu acht auf den Zimmern lagen. Die baulichen und sanitären Verhältnisse waren katastrophal, Bewohner im Garten angekettet. Mit Planungshilfe aus dem Kreis Gütersloh, maßgeblich durch das Altenzentrum Wiepeldorn (Schloß Holte-Stukenbrock) und Spenden wurde der Um- und Anbau unterstützt. Inzwischen gilt das Altenheim als das beste in ganz Lettland.

Aber auch Rückschläge musste die Freundschaft verkraften: Und das ausgerechnet bei dem Projekt, das Landrat Adenauer zu seinem persönlichen Projekt gemacht hatte: Aus dem ehemaligen Waisenhaus Valmiera wurde mit vielfältiger Unterstützung das "Kinder- und Familienzentrum "Pargauja", in dem Waisen und Kinder aus schwierigen Familien beschützt aufwachsen sollten. Zeitweise 35 Kinder lebten dort. Das Haus wurde komplett modernisiert und nach zweijähriger Bauzeit 2006 eingeweiht. Es galt als die modernste Einrichtung ihrer Art in ganz Lettland. Maßgeblich finanziell unterstützt wurde es vom Lions-Club Rheda-Ems. Der Verein "Kinder in Valmiera" baute mit Sponsorenhilfe einen neuen Spielplatz. Nach der Kommunalreform musste Pargauja geschlossen werden: Es war zuvor in Trägerschaft des Kreises Valmiera. Die Stadt Valmiera verhandelte mit den anderen Gemeinden über eine finanzielle Beteiligung, da die Kinder in Pargauja aus ganz Lettland kamen und man alleine die Finanzierung nicht stemmen konnte. Der Haushalt der Stadt Valmiera sank 2009 aufgrund der Wirtschaftskrise um 58 Prozent im Vergleich zu 2008. Jetzt nutzt das Altenheim die Räumlichkeiten.

Leuchtturmfunktion hatte zudem das Krankenhaus Maszalaca: Aus einer Ruine, ursprünglich als Kindergarten geplant, wurde das beste kleine Krankenhaus in Lettland. Die Unternehmerfamilie Kleine aus Harsewinkel unterstützte das Projekt mit insgesamt 700.000 D-Mark und auch das Berufsbildungszentrum Valmiera wurde von ihnen mit angeschoben. Nur ein Beispiel, dafür, wie über die Jahre eine Partnerschaft entstand, die auf vielen Ebenen lebendig ist und von vielen getragen wird. Keine Partnerschaft, in der nur Sektgläser auf offiziellen Anlässen klirren.


Präsentieren Exponate der Kunstausstellung aus Valmiera (v.l.): Landrat Sven-Georg Adenauer, Dr. Silvana Kreyer (Kulturbeauftragte der Partnerschaft), Dace Bluma (Leiterin der Kunst-Mittelschule Valmiera), Anete Bulina (Schülerin), Nauris Jostons (Schüler), Indra Ziedina (Schülerin), Laila Strada (Leiterin Kunstschule Mazsalaca), Antra Galzone und Janis Galzons, die zusammen die Kunstschule Rujiena leitenGroßbildansicht
Rund 220 Werke junger Künstler der drei Kunstschulen im Partnerkreis Valmiera waren im März und April 2011 im Kreishaus Gütersloh zu sehen. Kunst und Kultur genießen in Lettland einen außergewöhnlich hohen Stellenwert.

2005 gründete sich der Verein "Kinder in Valmiera", um gezielt die Förderung der Jugendhilfe anzugehen. Freundschaftliche Kontakte gibt es auch zwischen den Kommunen: Harsewinkel und Mazsalaca sowie Steinhagen und Rujiena halten enge Kontakte, Halle/Westf. und die Stadt Valmiera werden in diesem Jahr sogar ganz offiziell Partnerstädte. Im vergangenen Jahr unterstützte die Stadt Halle/Westf. unter anderem die Kindersuppenküche in Valmiera, in der täglich 130 Kinder eine warme Mahlzeit erhalten - vor der Wirtschaftskrise waren es 30 bis 40. Es gibt unzählige kleine und große Spendenprojekte: Kaputtes Kirchendach nach Orkan in Matisi, der Partnergemeinde der Kirchengemeinde Rheda? Kein Problem, die Innung Dach-, Wand- und Abdichtungstechnik kommt für die Reparatur auf. Sanierungsbedürftiger Kindergarten in Kauguri? Lebensmittelkontrolleur Hans-Dieter Kramer rührt die Werbetrommel, stattet die Küche neu aus und die Bäckerei Birkholz spendet 3.000 Euro. Etwas mehr Geld nahmen die Rotarier für das Logopädiezentrum in die Hand. Wilfried Anskinewitsch erhob dies zum Governor-Projekt 2000/2001 und sammelte weltweit 320.000 D-Mark dafür ein. Das Logopädiezentrum ist die einzige Einrichtung dieser Art im gesamten Baltikum. Rotarier und Lions-Club greifen immer wieder ins Rad, auch in Form von Einzelspenden wie einen elektrischen Rollstuhl.

Wirtschaft, Vereine, Schulen, Politik, Kultur und Kirchen - die Partnerschaft ist breit aufgestellt: Regelmäßig gibt es Konzertreisen von Chören und Orchestern in beide Richtungen und Ausstellungen überwinden die rund 1.300 Kilometer. Letten stehen auf dem Christkindlmarkt in Wiedenbrück, junge Männer und Frauen aus dem Kreis Gütersloh absolvieren ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr in Lettland und sogar Imker überwinden die Sprachgrenze. In Lettland macht sich der Kreis Gütersloh zudem für die deutsche Sprache stark. Im staatlichen Gymnasium Valmiera ist eine deutsche Bibliothek eingerichtet und Unterrichtsmaterial angeschafft worden. Beim Schüleraustausch können die jungen Letten dann ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Laut Eberhard Schuppius, bis 2008 deutscher Botschafter in Riga, finde sich im ganzen Baltikum keine ähnlich intensive Partnerschaft.

Vor allem im kulturellen Bereich lernen die deutschen Gäste und profitieren in einem hohen Maß von der Freundschaft. Während hierzulande in Sparrunden als erstes bei den freiwilligen Aufgaben gekürzt wird und damit häufig bei der Kultur, genießt die in Lettland einen außergewöhnlich hohen Stellenwert. Im Bereich der bildenden Kunst und der Musik spielen die Letten in einer anderen Liga, Kunst- und Musikunterricht haben einen ungleich größeren Stundenumfang an den Schulen. Im März und April zeigten die drei Kunstschulen aus dem ehemaligen Kreis Valmiera bereits zum vierten Mal seit Beginn der Partnerschaft eine Gesamtschau der Schüler- und Lehrerwerke in den beiden Kreishäusern Gütersloh und Wiedenbrück.


Hintere Reihe v.l.: Eva Sare-Aizsilniece (Zentrumsleiterin), Indra Priede (Sozialarbeiterin), Inese Locmele (Erzieherin). Vorne v.l.: Dolmetscherin Silvana Kreyer, Astrida Tutere (Leiterin Stationäre Abteilung), Elena Kalimina (Psychiaterin) und Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Gütersloh Ellen Wendt mit Landrat Sven-Georg Adenauer.Großbildansicht
Fünf Mitarbeiterinnen des regionalen Zentrums Dardeze zur Unterstützung von Familien in Krisensituationen in Valmiera/Lettland waren im Januar 2011 zu Besuch im Kreis Gütersloh, um sich mit Fachfrauen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe auszutauschen. Landrat Sven-Georg Adenauer unterstützt das Engagement der Frauen für Opfer von häuslicher Gewalt und begrüßte die Lettinnen und deren Begleitung im Kreishaus.

Nachdem vor allem zu Beginn die finanzielle und materielle Förderung den Schwerpunkt der Hilfen darstellte, kam dem Erfahrungsaustausch eine immer größere Bedeutung zu. Zwar wird die humanitäre Unterstützung nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise in Lettland beibehalten - noch fahren jedes Jahr etwa sechs Hilfstransporte ins Baltikum - aber die Arbeitsbesuche wurden intensiviert und verstärkt. Polizisten, Mediziner, Feuerwehrmänner und Lehrer hospitierten im Kreis Gütersloh und die Abfallwirtschaftsgesellschaft ZAAO der Region Nord-Vidzeme mit Sitz in Valmiera und die Abfallwirtschaftsgesellschaft GEG mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück haben eine Partnerschaft geschlossen.

Mit der Auflösung der Kreise in Lettland 2009 kamen auf die Kommunen in dem baltischen Staat neue Aufgaben zu und damit neue Arbeitsbereiche für die Partner. Eines der Hauptargumente für die Neugliederung in dem 2,5 Millionen-Einwohner-Land waren die vielen kleinen Gebietskörperschaften, die überfordert waren mit der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben. Ipiki, im Norden des ehemaligen Kreises Valmiera, zählt ganze 390 Einwohner. Anders als in Deutschland sprang nicht der Kreis ein, wenn eine Kommune zu klein war, um das gesamte Aufgabenspektrum abzudecken.

Die kommunale Neugliederung hat tiefgreifende Folgen, wie nicht zuletzt an der Schließung des Kinder- und Familienzentrums Pargauja deutlich wird. Mit den neuen Aufgaben haben die lettischen Freunde auch neue Probleme übernommen. In der Bürgermeisterrunde während des Delegationsbesuchs Ende Juni 2010 stand ein Thema ganz oben auf der Liste. Soziale Aufgaben. "Wie kann man sozial schwachen Familien helfen, die häufig multiple Probleme haben?", fragte Inesis Bokis, Bürgermeister von Valmiera. Landrat Adenauer stellte die sozialen Themen daraufhin in den Mittelpunkt der künftigen Arbeit. Im Oktober 2010 besuchten Sozialarbeiter aller sieben Kommunen der Region Valmiera den Kreis Gütersloh und informierten sich unter anderem im Frauenhaus Gütersloh.