Lettland auf dem richtigen Weg

Riga/Lettland, 23.06.2016. Lettland hat die Wirtschaftskrise überwunden, die Situation hat sich aber noch nicht in allen Lebensbereichen normalisiert. Das Land scheint auf dem richtigen Weg zu sein, wenngleich der baltische Staat vor großen Herausforderungen steht: Das Gehaltsgefüge und die Bildungslandschaft nannte Elisabeth Bauer, die Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Riga, als die zentralen Baustellen des Landes in einer Gesprächsrunde mit der Delegation aus dem Kreis Gütersloh.

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Nicht in Riga an seinem Amtssitz, sondern auf einem vorgezogenen Liga-Fest (Mitsommerfest) in Valmiera trafen sich Landrat Sven-Georg Adenauer und der lettische Ministerpräsident Maris Kucinskis. Zusammen feierten (v.l.) Vitauts Stana, Vorsitzender des Partnerschaftsvereins Valmiera, Landrat Adenauer, Laine Kucinska, Ehefrau des Ministerpräsidenten, Ministerpräsident Kucinskis, sowie die beiden Partnerschaftskoordinatoren Hans-Joachim Schwolow und Rudite Marcus. Kucinskis begann seine politische Karriere im Stadtrat von Valmiera.

Positiv erwähnte sie mehrfach die Region Valmiera, die in vielen Bereichen beispielhaft agieren würde und Vorbildcharakter habe. Unter Leitung von Landrat Sven-Georg Adenauer hatte eine 38-köpfige Delegation die Partnerregion Valmiera besucht und nutzte nach der Ankunft in der Hauptstadt den Austausch mit der Leiterin der Adenauer-Stiftung vor Ort.

 

"Knallharte Reformen", erklärte Adenauer zu Beginn den Mitreisenden, waren die Reaktion der Regierung auf die Wirtschaftskrise, als Lettland unter dem europäischen Rettungsschirm Zuflucht suchen musste. Drastische Einschnitte - etwa im öffentlichen Dienst - seien ohne große Demonstrationen durchgesetzt worden und teils bis heute nicht zurückgenommen. Im öffentlichen Dienst wurden die Gehälter um 30 bis 40 Prozent gekürzt, es gab Entlassungen. Gerade die Entwicklung der Löhne und Gehälter sieht Bauer als ein Problem an: Auf dem Land verdient ein Lehrer rund 420 Euro, in Riga ist es das Doppelte, im Schnitt kommen sie auf etwa 550 Euro brutto. Ein Abteilungsleiter im Außenministerium verdient rund 1300 Euro brutto - wer aber die Läden in Valmiera oder Riga betritt, sieht ein Preisniveau, das sich kaum unterscheidet vom deutschen. "Die Letten demonstrieren nicht, sie wandern aus", erklärte Bauer, die für das Baltikum und Skandinavien zuständig ist. Jedes Jahr kehren 20.000 ihrer Heimat den Rücken, um ihm Ausland Geld zu verdienen. Für ein Land mit knapp zwei Millionen Einwohnern eine Hausnummer. Das führt zu kuriosen Anekdoten: Das Standesamt, das im vergangenen Jahr die meisten Geburten gemeldet hatte, war die Botschaft in London/Großbritannien. Vor allem die jungen Letten verlassen das Land.


Foto Elisabeth Bauer und die Delegation in einem HotelGroßbildansicht
Elisabeth Bauer (vorne in der Mitte) und die Delegation aus dem Kreis Gütersloh in einem Rigaer Hotel.

Wie die Letten angesichts von Lohngefälle und Preisniveau überhaupt zurechtkommen im Alltag, wollten die Besucher aus dem Kreis Gütersloh von der Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung erfahren. Ihre einfache Antwort: "Die Menschen geben für Lebensmittel so viel aus, wie wir in den 50er Jahren." Das Verhältnis zwischen nötigen Ausgaben und Konsumartikeln sei einfach anders. In anderen Bereichen sei Lettland wieder deutlich voraus: Die Internetversorgung gilt - wie im gesamten Baltikum - als vorbildlich. Breitband, freies WLAN überall - und wenn Bauer eine Diskussionsrunde organisiert, hat sie mitunter 80 Gäste vor Ort und 300 bis 600, die die Veranstaltung per Livestream im Internet verfolgen.

 

Viel Lob hatte Bauer für die Partnerregion Valmiera übrig, dort werde vieles richtig gemacht. "Wenn man in die Stadt Valmiera reinfährt, könnte man denken, man kommt in eine ostwestfälische Stadt. Ihre Partnerschaft besteht nicht nur auf dem Papier." Valmiera zeige auch, dass es möglich sei, neben der alles überragenden Hauptstadt Riga eine wichtige Rolle zu übernehmen. "Wenn es dort gelingt, jeden Tag 6500 Einpendler zu haben, dann kann das auch andernorts gelingen", erklärte Bauer. Betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung, gehört Valmiera zu den Top 3 in Lettland. Stichwort Bildungssystem: "Auch hier geht Valmiera voran", meint die Expertin mit Blick auf das neue Technikum, einem Zentrum für die duale Ausbildung. Bauers abschließendes Fazit zum Baltikum: "Ich bin sicher, alle drei Staaten werden am Ziel ankommen, aber in unterschiedlicher Geschwindigkeit."