„Lern doch wo und wann du willst …!“  Exkursion zu der Berufsbildenden Schule Westerburg

Der Arbeitskreis Zukunft Berufliche Bildung besuchte die Berufsbildende Schule Westerburg in Rheinland-Pfalz, um Einblicke in zeitgemäße Konzepte zur Beruflichen Bildung direkt vor Ort zu erfahren.

Ziel war es, gelebte und erprobte Praxisideen zu sammeln, die sich auf Lehr‑ und Lernprinzipien, methodische Ansätze sowie auf innovative Lernorganisation und Lernräume übertragen lassen. 
Teilnehmende waren Vertreterinnen und Vertreter der Schulleitungen der fünf 
Berufskollegs im Kreis Gütersloh, Mitarbeitende des Schulträgers aus der Abteilung Bildung, die Gebäudewirtschaft des Kreises sowie der schulfachliche Dezernent.

Die BBS Westerburg ist eine große berufsbildende Schule mit ca. 2.500 Lernenden in 90 Lerngruppen und einem breiten Angebot aus rund 60 dualen Ausbildungsberufen Willkommen | BBS Westerburg. 
Das Schulangebot reicht von Berufsvorbereitung und Berufsfachschulen überhöhere Berufsfachschulen und Berufliches Gymnasium bis zu Fachschulen.
Die BBS beschäftigt etwa 150 Lehrkräfte und ein kleines Verwaltungs‑ und Sozialteam.


Die Abteilungsleiterin für Wirtschaft, Hauswirtschaft und Ernährung der BBS, 
Desiree Christians, führte durch den Besichtigungstermin. Frau Christians ging dabei auf die Ausgangslage der BBS im Jahr 2005 ein, der durch eine notwendige Brandschutzsanierung des bestehenden Schulgebäudes ausgelöst wurde.
Dieser angestoßene Veränderungsprozess, der mit einer veränderten Lehr-Lernkultur in einer offenen Lernumgebung gelebt wird, ist bis heute – nach über 20 Jahren – weiter im Gange. Die Abteilungsleiterin betonte, der Weg lohnt sich für alle Betroffenen und Beteiligten.
Dabei stellte sie drei wesentliche Voraussetzung für den Veränderungsprozess und für ein Gelingen heraus:

1. Gelebte Teamstrukturen zur gemeinsamen Unterstützung der Lernprozesse

2. Vertrauen statt Kontrolle als Grundlage für die gemeinsame Arbeit

3. Geeignete Raumkonzepte wie beispielsweise offene Lernebenen für gemeinsames Arbeiten und Lernen


Was macht das pädagogische Konzept an der BBS Westerburg aus?

Kernprinzipien beruflicher Bildung

  • Kompetenzorientierung
    Der Unterricht richtet sich konsequent an berufsrelevanten Kompetenzen: fachliche Fertigkeiten, überfachliche Schlüsselkompetenzen und Handlungskompetenz stehen im Mittelpunkt. Lernziele sind praxisnah formuliert und an realen Arbeitsprozessen ausgerichtet.
  • Lernendenzentrierung
    Lernprozesse werden individuell gestaltet: Lernstände werden diagnostiziert, Lernpfade differenziert angeboten und Lernfortschritte regelmäßig reflektiert. 
    Selbststeuerung und Verantwortungsübernahme der Schülerinnen und Schüler und der Auszubildenden werden systematisch gefördert.
  • Verzahnung von Theorie und Praxis
    Enge Kooperationen mit Betrieben, projektorientierte Aufgabenstellungen und praxisnahe Werkstatt‑ bzw. Laborphasen sorgen für einen fließenden Übergang zwischen schulischem Lernen und beruflicher Realität.


Lehr‑ und Lernmethoden — praxisnah und vielfältig

  • Projektbasiertes Lernen
    Lernende bearbeiten reale oder realitätsnahe Projekte in interdisziplinären Teams. Dadurch werden Problemlösefähigkeit, Kommunikation und Projektmanagement geübt.
  • Blended Learning und digitale Werkzeuge
    Digitale Lernplattformen, simulationsgestützte Übungen und digitale Prüfungsformate ergänzen Präsenzphasen. Die Kombination ermöglicht flexiblere Lernzeiten und individualisierte Lernangebote.
  • Lernbegleitung und formative Assessment‑Kultur
    Lehrkräfte agieren als Coaches: regelmäßiges, formatives Feedback, Lernportfolios und Kompetenznachweise ersetzen zunehmend rein summative Prüfungsformate.
  • Kooperative Lernformen
    Peer‑Teaching, Tandems und Teamaufgaben stärken fachübergreifendes Arbeiten und soziale Kompetenzen.

 

Innovative Lernorganisation und Lernräume

  • Flexible Raumkonzepte
    Statt starrer Klassenzimmer dominieren multifunktionale Räume in Clustern: Werkstätten, Lerninseln, Projektzonen und Rückzugsbereiche lassen sich je nach Lernphase umgestalten. Mobile Möbel und modulare Ausstattung unterstützen schnelle Umstellungen.
  • Werkstatt‑ und Labororientierte Ausstattung
    Praxisräume sind so gestaltet, dass sie reale Arbeitsumgebungen abbilden: Moderne Maschinen, digitale Steuerungen und praxisnahe Materialbestände ermöglichen authentisches Lernen.
  • Zonen für Kollaboration und Fokusarbeit
    Offene Bereiche fördern Teamarbeit und Austausch; zugleich gibt es schallgedämmte Nischen für konzentriertes Arbeiten oder Prüfungen.
  • Nachhaltigkeit und Nutzerbeteiligung
    Raumgestaltung berücksichtigt Energieeffizienz und Nachhaltigkeit; Lernende und Lehrkräfte werden in Planungsprozesse einbezogen, um Nutzungsanforderungen praxisnah zu verankern.

Relevanz für die Bildungsregion Kreis Gütersloh

Die Beobachtungen aus Westerburg liefern konkrete Anknüpfungspunkte für die fünf Berufskollegs im Kreis Gütersloh:

  • Raumkonzepte überdenken: Flexible Möblierung und multifunktionale Zonen können in Bestandsgebäuden schrittweise umgesetzt werden.
  • Methoden transferieren: Projektorientierte Module und Blended‑Learning‑Bausteine lassen sich fächerübergreifend einführen.
  • Kooperationen stärken: Intensivere Vernetzung mit regionalen Unternehmen und Bildungspartnern schafft Praxisnähe und unterstützt die Planung
    zukunftsfähiger Lernorte.
  • Professionalisierung der Lehrkräfte: Fortbildungen zu Coaching, digitaler Didaktik und Raumdidaktik sind zentrale Hebel für nachhaltige Veränderung.

 

Ausblick und nächste Schritte

Der Arbeitskreis erörtert in den nächsten Sitzungen, ob und wie die gewonnenen Impulse in einem abgestuften Maßnahmenplan gebündelt und erprobt werden können:
Zielrichtung könnte ein abgestimmter Fahrplan sein, der pädagogische Qualität, bauliche Machbarkeit und finanzielle Realisierbarkeit in den Blick nimmt.
Die Exkursion nach Westerburg hat gezeigt, dass zukunftsfähige Berufliche Bildung auf drei Säulen ruht: klare Kompetenzorientierung, methodische Vielfalt mit digitaler 
Unterstützung und eine Lernumgebung, die Praxisnähe, Flexibilität und Kooperation ermöglicht. Diese Prinzipien bieten eine solide Grundlage und die Impulse aus der Exkursion stellen wertvolle Ansatzpunkte dar, um die Berufliche Bildung im Kreis Gütersloh weiterzuentwickeln.