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Rund 300 Beteiligte üben mit der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung
Großübung von Kreis und Kommunen: Kommunikation und Zusammenarbeit für den Ernstfall trainiert

Ein Blick ins Übungsszenario – hier die erste Krisenstabssitzung in der
Rotunde des Kreishauses. Im Hintergrund sitzen die Übungsbeobachter. Foto: Kreis Gütersloh
Krisenstab tagt
Um 8.45 wird in der fiktiven Lage der Krisenstab von Landrätin Ina Laukötter einberufen. Der hohe Koordinierungsaufwand könne mit den normalen Strukturen nicht bewältigt werden: „Wir müssen versuchen, vor die Lage zu kommen“, so Laukötter.“
11 Uhr, erste Krisenstabssitzung: Es gibt vor dem versammelten Krisenstab – die Übungsbeobachter sitzen als stumme Zuhörer in den hinteren Reihen – den ersten Lagevortrag. Bundeswehrverbände, passieren den Kreis von Westen nach Osten, rollen über die Autobahn 2 an. Gleichzeitig müssen Kapazitäten für die Aufnahmen von zu erwartenden Flüchtlingen in den Kommunen geschaffen werden. Die ständigen Stabsmitglieder und die einsatzspezifischen Stabsmitglieder klären Notwendigkeiten, Erfordernisse, Materialbedarf, Personalbedarf. In den Kommunen müssen Unterkünfte geschaffen werden. Die Bürgerinformation- und Medienarbeit informiert innerhalb des Hauses und in die Bevölkerung hinein, wie sich die Lage entwickelt und reagiert auf fingierte Presseanfragen, die die Übungsleitung einspielt.
Derweil verschärft sich die Lage in den Kommunen. Das sogenannte Marschpaket 2 der Bundeswehr steht im Stau, alle Umleitungsstrecken, die eilig eingerichtet wurden, sind überlastet. Ein Lkw-Unfall mit Todesfolge führt zur Vollsperrung der Autobahn 2. Entscheidungen müssen gefällt werden, Abstimmungen unter den vielen Akteuren sind nötig. Gleichzeitig geht eine Unwetterwarnung vom Deutschen Wetterdienst raus. Starkregen drohen.
Ein erster Erlass des Landes Nordrhein-Westfalen sieht vor, dass eine größere Anzahl geflüchteter Personen im Kreisgebiet unterzubringen ist. Zu klären ist, welche Kapazitäten die Kommunen in der Schnelle vorplanen und realisieren könnten. Ein zweiter Erlass des Landes sieht einen Verpflegungs-, Rast- und Regenerationspunkt für eine dreistellige Zahl an Einsatzkräften und -fahrzeugen des Zivilschutzes im Kreis Gütersloh vor. Mit der Organisation und Einrichtung dieses Versorgungspunktes ist die Einsatzleitung beauftragt worden.
Zurück im Krisenstab

Szene aus dem Krisenstab: Landrätin Ina Laukötter (links) bespricht sich
mit Krisenstabsleiterin Dr. Angela Lißner. Eine Mitarbeiterin bedient die
Technik der Großbildschirme, im Vordergrund wird das Einsatztagebuch als
Protokoll mitgeschriebe. Foto: Kreis Gütersloh
Jetzt entsteht der Druck, der in der Übung beabsichtigt ist. Wie gut funktionieren Kommunikation und Entscheidungswege, wenn in einer Krise innerhalb kurzer Zeit viele Informationen zusammenlaufen? Ziel ist es, ein abgestimmtes Lagebild und eine verlässliche Zusammenarbeit unter Zeitdruck zu testen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie schnell Kreis und Kommunen auch bei einer unübersichtlichen Lage zu einem einheitlichen Lagebild kommen und daraus abgestimmte Entscheidungen ableiten können. Die Teilnehmenden üben heute vor allem eines: Führen, bewerten, priorisieren, entscheiden.
Mit dem orangefarbenen Akkreditierungsband um den Hals beobachtet die Landrätin die Übungsarbeit. Angesichts der angenommenen Lage hat sie den Krisenstab einberufen und damit die besondere Führungsstruktur der Kreisverwaltung aktiviert. Sie selbst ist nicht reguläres Mitglied des Krisenstabes. Als politisch Gesamtverantwortliche steht sie über dem Stab. Sie lässt sich jedoch laufend vom Krisenstab und der operativen Einsatzleitung beraten.

Fingiertes Interview: Ein externer Dozent mimt hier den WDR und Radio
Gütersloh und führt ein Gespräch mit Landrätin Ina Laukötter. Fotos: Kreis
Gütersloh
Die Liste der Interviewanfragen mit der Landrätin in der Pressestelle des Kreises wächst. 13:30 erstes Interview, 13:40 Live-Schalte mit dem Übungs-WDR, danach Übungs-Radio Gütersloh. „Ich bin froh, dass wir heute die Möglichkeit haben, als Kreis mit allen Kommunen in einem gemeinsamen Szenario zu üben“, wird sie später in die Kamera sagen. „Denn eine Krise ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um ein Team erstmals zusammenarbeiten zu lassen. Regelmäßiges Training soll dafür sorgen, dass Zuständigkeiten, Abläufe und Kommunikationswege bereits eingeübt sind, bevor es darauf ankommt.“
Ortswechsel: Kommunen melden bereits gesicherte Unterkunftskapazitäten zurück. Das Gesamtbild fügt sich in Mails, Telefonaten, und Videoschalten zusammen. Für zusätzliche Dramaturgie sorgen neue Einspieler, die die Übungsleitung in die Kommunen gibt. Beispielsweise meldet eine Kommune Bedarf an Feldbetten zurück ins Kreishaus.
Vorbereitet wurde die Großübung seit Juni. Aus jeder Kommune war jeweils eine Person in die Planung eingebunden. Diese Planerinnen und Planer nahmen selbst nicht aktiv an der Übung teil. Sie begleiteten als stumme Übungsbeobachter das Geschehen. Ihre Aufgabe war es, Abläufe objektiv zu dokumentieren und die Kommunikation, Entscheidungen und Zusammenarbeit der Stäbe auszuwerten. In das Szenario griffen sie nicht ein.
Außergewöhnliche Dimension der Übung
Für die Bevölkerung blieb die Übung weitgehend unsichtbar. Obwohl unter anderem das Kreisverbindungskommando der Bundeswehr, Feuerwehr und Polizei beteiligt waren, gab es auf den Straßen des Kreises keine Einsatzfahrten. Das Ganze war eine ‚Trockenübung‘.
Es war die erste Übung, die Kreis und Kommunen gemeinsam bestritten. Michael Flohr aus Halle bewertete in der Nachbesprechung: „Aus Sicht der Stadt Halle ist allein das Stattfinden einer solchen Übung ein Erfolg.“ Auch Philipp Mantel von der Bezirksregierung Detmold sah das so: „Danke, dass Sie sich der Herausforderung gestellt haben. Respekt, die Größenordnung hat es bei einer Übung in NRW meines Wissens noch nie gegeben.“ BBK, Kreis und Kommunen zogen ein insgesamt positives Fazit: Jetzt folgt die Nacharbeit und Bearbeitung der Punkte, die noch Optimierungspotential haben.
Seitens des BBK ist angedacht, das im Kreis Gütersloh getestete Übungsformat auch auf andere Kreise und Kommunen zu übertragen. Die Leitung des BBK lag bei Ulf Krüger, die Stabsleitung des Kreises bei Dezernentin Dr. Angela Lißner. Ihr Fazit: „Was heute nur ein Übungsszenario ist, soll dafür sorgen, dass im Ernstfall keine Zeit dafür verloren geht, erst Abläufe, Zusammenarbeit und Ansprechpartner zu klären.“